100 Jahre Trianon: Ungarische Regierung betont Aktualität der nationalen Identität

Samstag, 6 Juni, 2020 - 09:42

In Deutschland undenkbar: im ungarischen Parlament haben die Abgeordneten jetzt des 100. Jahrestages der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Trianon gedacht, der wegen seiner für Ungarn extrem nachteiligen Bestimmungen bis heute als nationales Trauma gilt.

Staatspräsident Janos Ader stellte angesichts der demütigenden Vertragsbestimmungen von 1920 auf die Zukunft der Nation ab und erklärte: „Die ungarische Nation hat es nicht nur gegeben, sondern es wird sie auch geben.”

Niemand könne Ungarn das Recht absprechen, darauf hinzuwirken, daß „die nationalen und spirituellen Grenzen der Nation unverändert bestehen bleiben, auch wenn sich die geografischen Grenzen der Nation verändern.“

Ader erinnerte an die Auswirkungen des Vertrages, den die ungarischen Vertreter unter Widerspruch am 4. Juni 1920 unterschrieben und der Ungarn zwei Drittel seines Territoriums kostete. Außerdem gerieten mehr als drei Millionen Ungarn als nationale Minderheiten unter fremde Herrschaft. Der Präsident resümierte denn auch, Trianon habe keinen Frieden gebracht, auch nicht die Entwicklung der Region gefördert und ebenso wenig die ethnischen Spannungen verringert. Ader wies in diesem Zusammenhang auch Anschuldigungen zurück, wonach Ungarn eine Grenzrevision anstrebe. „Wir achten unsere Nachbarn, doch ersuchen wir zugleich darum, daß auch sie uns achten sowie die in ihren Ländern lebenden Ungarn.“

Parlamentspräsident Laszlo Köver wiederum unterstrich die Solidarität mit den in den Nachbarländern lebenden ungarischen Minderheiten; er bedankte sich in seiner Rede im Namen des ungarischen Staates bei den in den abgespaltenen Gebieten lebenden Ungarnstämmigen. Die heutigen Probleme seien nicht mittels Veränderung der Grenzen zu lösen, sondern mittels der Veränderung der staatlichen Politik, betonte Köver und forderte, das Recht auf nationale Identität müsse Bestandteil der allgemeinen Menschenrechte werden, da dies Ungarn ebenso wie den benachbarten Nationen und der Zukunft Europas diene.

Mit Blick auf die Gegenwart mahnte Köver, daß die Gefahr für Ungarn nicht vorbei, sondern eher erstarkt sei. Die im Karpatenbecken, in Mittelosteuropa lebenden Völker würden entweder zusammen lachen oder zusammen weinen, erklärte Köver.

Im übrigen sei eine politische Erklärung zum Schutz der nationalen Identität, die durch Politiker der Fidesz-Regierungspartei im Parlament eingereicht wurde, der Versuch, in benachbarten Ländern bzw. im übrigen Europa Verbündete zu finden. Denn der Kampf der ungarischen Minderheiten um das Recht auf nationale Identität sei eine europäische Angelegenheit. Allen europäischen Nationen stehe ein ähnlicher Identitätskampf bevor, wie ihn die ungarischen Minderheiten seit 100 Jahren ausfechten, erklärte Köver.