US-Denkfabrik erklärt Europäische Union für tot

14.03.2016

Während europäische Politiker wie Angela Merkel und Jean-Claude Juncker in ihrem unbeirrten Glauben an eine gesamteuropäische Lösung der so genannten Flüchtlingskrise sogar die autokratische Türkei zum Quasimitglied erheben, plant man in Washington die Zukunft längst auf den Trümmern der bestehenden Europäischen Union.

von Tino Perlick

Das europäische Projekt sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, bilanziert die einflussreiche geopolitische Denkfabrik Stratfor. Stratfor erlangte im Februar 2015 abseits der Leitmedien berühmt-berüchtigten Status, nachdem deren Vorsitzender, George Friedman, in einem Vortrag vor dem Chicago Council on Global Affairs ganz beiläufig Amerikas über 100-jähriges Ziel verriet: ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland zu verhindern – „Vereint sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen könnte“, so Friedman vor einer Klasse aufmerksamer Imperialisten. Friedman, ein gebürtiger Ungar, weiß Europa besser einzuschätzen als die meisten US-Falken. Sein 2015 erschienenes Buch "Flashpoints – Die kommenden Krisen in Europa" stellte klar, dass das multikulturelle Experiment nach amerikanischen Vorbild in Europa an größerem Kultur- und Nationalbewusstsein scheitern musste. In der Stratfor-Veröffentlichung „Europa ohne die Union“ wird nun die ganze EU zur Totgeburt erklärt.

Ein jedes Projekt, das versuche, Völker unterschiedlicher Geschichte, Sprachen und Kulturen in einen monolithischen Staat zu vereinen, sei zum Scheitern „verdammt“, so Stratfor. Auf unüberwindbaren nationalen Widerstand zu stoßen sei unvermeidbar. Letzten Endes würden die Bürger ihre nationalen und regionalen Identitäten dem supranationalen Traum bevorzugen. An diesem Punkt befände sich die Europäische Union derzeitig. Triebkraft des Kollapses seien Verschuldung, Eurokrise, drohender Austritt Großbritanniens und – allen voran – die Einwanderungskrise, infolge derer viele Staatschefs Europas EU-Recht gebrochen hätten, indem sie ihre Grenzen wieder zu schützen begannen. Alle Länder, so heißt es weiter, handelten letztlich national und würden ihre eigenen Interessen im Zweifel voranstellen. Dies sei der „Konstruktionsfehler“ der EU gewesen. Anders formuliert: Es sind nicht alle europäischen Länder so erfolgreich mit US-hörigen Marionetten besetzt wie Deutschland. Den finalen Todesstoß würde die Union durch eine baldige Marktkrise oder einen noch stärkeren Rechtsruck erfahren. Danach würde sie als ein „Geist ihres früheren Selbst“ zwar weiter existieren, ihr Griff um die Mitglieder wäre aber geschwächt, Gesetze würden ignoriert werden.

Stratfor prophezeit, die Idee der EU bliebe in Form der Beneluxstaaten, Frankreich und Deutschland bestehen, Eurowährung inklusive. Dieser „Kernblock“ würde zum Schwerpunkt des Kontinents werden. Deutschland bliebe die alles dominierende Kraft, „mindestens für das nächste Jahrzehnt oder zwei“. Skandinavische Länder würden sich in einem eigenen Block formieren, Spanien und Italien durch Abwertung ihrer eigenen Währungen an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen. Zentral- und Osteuropa, zwar um Handel mit dem Kernblock bemüht, wären primär mit der Sicherheit vor Russland besorgt – zumindest „bis das vom russischen Präsidenten Wladimir Putin entworfene System sich anpasst oder kollabiert“. Schöner kann man den erhofften Regimewechsel fast nicht umschreiben. Doch was, wenn sich Putin hält?

In Flashpoints verweist Friedman erst in den letzten Absätzen auf einen europäischen Konflikt mit Russland – was die Bedeutung umso verstärkt. „Jetzt schon sehen wir, wie der russische Bär sich erhebt, um wenigstens ein Stück weit seinen früheren Platz in der Welt zurückzuerobern“, schreibt er ganz im Duktus eines Kalten Kriegers. Europa, heute nicht mehr als ein „untergeordneter Teil des internationalen Systems“, werde sich „zwischen Krieg und Frieden entscheiden müssen.“ Die Antwort nimmt er uns vorweg: Europäer würden „wie in der Vergangenheit, bisweilen Krieg wählen.“ Friedman bezieht sich auf die US-hörigen europäischen Regierungen. Europas Völker würden sich nicht zur Schlachtplatte garnieren. Das macht ein Ausbrechen der Nationen aus Brüssels Zwangsjacke umso wichtiger. Dann werden die als Vasallenstaaten betrachteten Länder für den amerikanischen Adler viel schwerer zu ergreifen.

US-Denkfabrik erklärt Europäische Union für tot – „Bereiten Sie sich auf Krieg vor“

Das Nachrichtenportal Business Insider veröffentlichte am 8.3.2016 Teile eines Interviews mit Stratfor-Chef George Friedman. Friedman zufolge sollen wir uns auf einen Krieg gefasst machen. “Noch nie hat es ein Jahrhundert ohne systemischen Krieg gegeben, in dem das ganze System sich erschüttert.“ Es habe schon früher zeitliche Perioden gegeben, in denen internationale Beobachter sich eingebildet hätten, dass Nationen nicht mehr gegeneinander Krieg führen. „Von 1815 bis 1871 gab es in Europa keine zwischenstaatlichen Kriege von Belang“, sagte Friedman. „Dann kam der erste Weltkrieg, eine große Nummer.“

Friedman glaubt, der Abstieg globaler Mächte führe zu Großkriegen. „Systemische Kriege kommen, wenn Länder wie Deutschland, China und Russland niedergehen. Dann wird’s gefährlich, weil sie noch kein Gleichgewicht gefunden haben. Als Deutschland sich 1871 vereinte brach die Hölle aus. Japan stieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf, was Chaos nach zog. Wir schauen also auf einen systemischen Wandel. Bereiten Sie sich auf Krieg vor.“

Friedman glaubt, dass die Gefahr heute von aufstrebenden Ländern wie Japan, der Türkei und Polen ausgeht. Dem Geostrategen zufolge zeichnen sich Konflikte im Nahen Osten und in Osteuropa sowie einen Seekrieg zwischen Japan und den USA ab.

Compact online (11.3.2016)

http://www.compact-online.de/us-denkfabrik-erklaert-europaeische-union-fuer-tot-no-problem/