Revolution und Tradition

10.03.2016

Dem traditionalen Revolutionär geht es nicht um Treue gegenüber Formen oder Institutionen vergangener Zeiten, sondern gegenüber grundlegenden Prinzipien. Bereits dies mag in den Augen von demokratischen Ideologen als scheußlicher „Dogmatismus“ oder als „reaktionäre Ideologie“ erscheinen; einen Streiter für die Tradition kümmert dies freilich nicht, denn „progressiv“ — was letztlich nichts anderes als seinsvergessen bedeutet — will er um keinen Preis der Welt sein.

Wenn ich mich in dieser Streitschrift positiv auf einige Gedanken von weltanschaulichen Gegnern — etwa Karl Marx — beziehe, dann ist darin kein kruder Eklektizismus zu sehen. Es soll damit auch niemand gewaltsam vereinnahmt werden. Wenn man irgendwo auf logisch richtige Gedankengebäude und Schlüsse stößt, so gibt es keinen Grund, diese nicht zu übernehmen, gleichgültig von wem sie stammen. Dies auch dem Leser gegenüber klar kenntlich zu machen, ist ein Akt intellektueller Redlichkeit. Das Streben nach „Originalität“ ist dagegen eine typisch individualistische Marotte, der ich mich enthalten möchte.

Im Gegensatz zum italienischen Faschismus soll weder die Marx’sche Theorie beziehungsweise der Marxismus auf eine bloße Gewaltphilosophie reduziert, noch einem totalitären Staat das Wort geredet werden. Vielmehr soll mit dem Antikapitalismus und mit der Ablehnung des bürgerlichen Staates ernst gemacht werden. Im Ergebnis wird man eine andere, eine „antimaterialistische Marxismusrevision“ erkennen. Auf eine Marx-Exegese — eine der liebsten Beschäftigungen mancher „Linker“ — wird in diesem Traktat gleichwohl verzichtet.

Die Ausführungen sind relativ apodiktisch gehalten, dies bringt die Kürze so mit sich, ist aber teilweise auch der überrationalen Weltanschauung des Autors geschuldet; sobald der Bereich des Ewigen, das heißt Über-Zeitlichen, einbezogen wird, kommt man mit dem modernen wissenschaftlichen Denken nicht mehr weit. Damit wird keinem Irrationalismus das Wort geredet. Jenem Irrationalismus, der besonders in der sogenannten Esoterikszene grassiert, soll hier keine Konkurrenz gemacht werden, wird dieser doch bereits adäquat durch allerlei Geschäftemacher bedient. Die Fragen, die dem Instrumentarium der modernen Wissenschaft zugänglich sind, sollen durchaus von dieser geklärt werden. Allerdings beschränkt sich die moderne Wissenschaft keineswegs auf das von ihr Erkennbare, sondern maßt sich an, Schlußfolgerungen aus ihren Beobachtungen zu ziehen, die von den wissenschaftlichen Erkenntnissen in keiner Weise mehr gedeckt werden. So verkommt die Wissenschaft zum Wissenschaftsaberglauben. Man muß schon ziemlich verkümmert sein, wenn es für einen „im Grunde keine Töne gibt, sondern nur Wellen, keine Gefühle, sondern nur hormonelle Prozesse, keine sinntragenden Gebärden, sondern nur meßbare Verhaltensweisen, keine Tiefe der meditativen Versenkung, sondern Alpha-Wellen etc.“.

Die Wissenschaft erzählt dem Menschen alles mögliche, außer dem, was für ihn wirklich wichtig ist. Auch wenn sie uns den biologischen Zweck unserer Existenz erklärt, teilt sie uns nichts über dessen Sinn mit. Wer meint, die modernen Wissenschaften könnten seinen Glauben beweisen, offenbart sich als Materialist, mag er noch so sehr von Spiritualität und Gott daherreden. Die traditionale Weisheit ist von völlig anderer Art als das moderne wissenschaftliche Wissen. Die moderne wissenschaftliche Denkungsart unterstellt das als wahr, was von jedermann anerkannt werden muß. Traditionale Weisheit ist dagegen etwas „ebenso Aristokratisches, Individuelles, Tatsächliches, Substanzielles, Organisches, Qualitatives, wie das Wissen der ‚Zivilisierten‘ dagegen demokratisch, sozial, universalistisch, abstrakt, nivellierend und quantitativ ist. Kennen, der Weisheit gemäß, will nicht heißen ‚denken‘, sondern die genannte Sache sein: sie leben, sie innerlich verwirklichen.“ Die Weisheit ist ein absoluter Positivismus, der wirklich nur das nennt, was man in Beziehung zur direkten Erfahrung erlangen kann, und alles übrige ist unwirklich, abstrakt, illusorisch.

Über diesen weltanschaulichen Ausgangspunkt läßt sich naturgemäß nicht richtig diskutieren. Es soll daher auch, was die spirituelle Ausrichtung anbelangt, weniger überzeugt als vielmehr erweckt werden. Kein Zweifel besteht daran, daß der Mensch in sich einen tiefen Drang nach Sinn verspürt — Edgar J. Jung sprach vom „metaphysischen Trieb“; gegenüber einem gelebten ritterlichen Heroismus verspürt jeder Mensch, wenn er nicht einen ausgesprochen niedrigen Charakter hat, eine ganz natürliche Hochachtung, unabhängig von seinem sonstigen Denken und Handeln. Auch dies soll und kann natürlich kein rationaler Beweis dafür sein, daß das Absolute mehr als eine bloße gedankliche Abstraktion ist, aber diese Tatsache ist Grund genug, ein Wagnis einzugehen und sich auf den Weg zu machen, um Zweifel durch eigene Erfahrung aufzulösen. Man hat im Grunde nichts zu verlieren, außer einem Lüstchen hie und einem Lüstchen da: dem Glück des „letzten Menschen“ (Friedrich Nietzsche).

Die Unzumutbarkeit des Kapitalismus

Heute wird gemeinhin die Auffassung vertreten, Kapitalismus sei mit Profitgier identisch. Die Übel dieser Gesellschaft werden mithin vor allem auf moralische Defekte oder schlicht auf die Unzulänglichkeit der Protagonisten aus Wirtschaft und Politik zurückgeführt. Jede Kritik an den hiesigen Umständen ist damit bereits kanalisiert. Kritik kann somit per se nur noch als „konstruktive Kritik“, also als systemstützende Kritik, oder als Kritik an Individuen daherkommen. Man muß fortan aufzeigen, wie man es denn unter den gegenwärtigen „Sachzwängen“ besser machen könnte, und wenn man dies nicht vermag, dann hat man sein Recht zur Kritik verwirkt.

Der heute vorherrschende wirtschaftspolitische Diskurs spielt sich immer nach dem gleichen Schema ab. Da stehen die „neoliberalen“ Verfechter einer angebotsorientierten den Verfechtern einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik gegenüber, und beide haben offensichtlich gleichzeitig recht und unrecht.

Die herrschende angebotsorientierte Seite betont, daß die Löhne und die sogenannten Lohnnebenkosten zu hoch seien. Um im internationalen Konkurrenzkampf bestehen zu können, müßten die „explodierten Ansprüche“ der lohnabhängigen Klasse auf ein „gesundes“ marktwirtschaftliches Maß zurückgeführt werden. Denn zu hohe Löhne machten Arbeitsplätze unrentabel und obsolet. Damit brächte man Unternehmen in Bedrängnis, treibe sie im schlimmsten Falle in den Konkurs. Der Arbeitsmarkt sei ein Markt wie jeder andere und müsse nach den gleichen Grundsätzen wie andere Märkte funktionieren. Um einer angeblich zunehmenden „Kultur des Nicht-arbeiten-Wollens“ entgegenzuwirken, müßten „ökonomische Anreize“, sprich der Zwang, erhöht werden. Denn Verstöße gegen die marktwirtschaftlichen Gesetze werden im Zeitalter der Globalisierung umgehend bestraft, weil „sich für die Investoren Alternativen ergeben“.

Die Verfechter einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik möchten dagegen unermüdlich die ins Stocken geratende Wirtschaft durch eine Stärkung der Nachfrage ankurbeln, denn weniger Massenkaufkraft bedeute auch weniger Binnennachfrage. Von „der Wirtschaft“ erhalten sie hierbei allerdings keine Unterstützung, denn es widerspricht der Kapitallogik, die Löhne zu erhöhen, nur um sich diesen Mehr-Lohn über den Markt wiederzuholen, und so bleibt nur der naive Appell an die „soziale Verantwortung“. Ein staatliches Konjunkturprogramm liefe offensichtlich wieder auf eine Erhöhung der Staatsverschuldung hinaus, soweit den Lohnabhängigen — um des sozialen Friedens willen — (vorerst) nicht noch mehr zugemutet werden soll. Dagegen wollte der Ökonom John Maynard Keynes, auf den sich die Verfechter einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik direkt oder indirekt beziehen, daß der Staat sich einen größeren Teil der privaten Gewinne aneignet, um im nationalkapitalistischen Interesse Investitionen zu tätigen. Schon der letztlich gescheiterte Keynesianismus in den sechziger und siebziger Jahren zog die ökonomische Kraft des Staates zu antizyklischer Konjunkturpolitik nicht aus einer Erhöhung der Gewinnsteuern, sondern ausschließlich aus einer Erhöhung der Staatsschulden.  Es ist kein Grund ersichtlich, warum es angesichts der „Globalisierung“ heute anders sein sollte.

Es ist in der Tat, wie die sogenannten Neoliberalen behaupten, nur muß man ihre Aussagen gegen den Strich lesen: Die Macht „der Wirtschaft“, die Lohnabhängigen zu erpressen, ist durch die sogenannte Globalisierung deutlich gewachsen, und die Gewerkschaften können dem kaum mehr etwas entgegensetzen. Heute ist es so weit, daß nicht mehr die Gewerkschaften Forderungen stellen, sondern die sogenannten Arbeitgeber stellen Forderungen an die Gewerkschaften, denen diese, besorgt wie eh und je um den Fortbestand des Kapitalismus, heute mehr oder weniger kleinlaut nachkommen. Das ist die „marktwirtschaftliche“ Realität, da hilft kein Jammern und kein Moralisieren. Die „neoliberalen“ Ideologen und Anpasser können sich glücklich schätzen: Nie war es so leicht, „recht“ zu haben und über die „Opposition“ zu triumphieren.

Mit dem Realsozialismus ist leider meist auch die Erkenntnis über Bord geworfen worden, daß das Ziel des kapitalistischen Wirtschaftens nicht die Produktion und der Absatz von nützlichen Gütern ist, sondern die Vermehrung des eingesetzten Kapitals. Der unmittelbare Zweck des Kapitalisten ist aber nicht der einzelne Gewinn, „sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens“.

An den Universitäten wird natürlich eifrig das Gegenteil gelehrt: Der Profit sei nur der beste Anreiz, um die Versorgung der Menschen mit den notwendigen Wirtschaftsgütern zu erreichen. Hier liegt deutlich eine apologetische Verdrehung der Wirklichkeit vor. Ungenügend beleuchtet wird dabei das „Wesen“ der kapitalistischen Betriebswirtschaft: Die Bedürfnisbefriedigung ist nicht das Ziel eines kapitalistischen Betriebes, die Bedürfnisse der Menschen bilden vielmehr ihre Schwachstellen, die es ermöglichen, Profit aus ihnen zu schlagen. „Die Konkurrenz zwingt den einzelnen Kapitalisten dazu, bei Strafe des Untergangs als Kapitalist, die Jagd nach einem immer größeren Mehrwert zum Zweck seines Handelns zu machen. Genau wie die Arbeitskraft ist auch die Natur bloßes Mittel zum Erreichen dieses Ziels. Von seiner inneren Logik her steht das Kapital der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen (durch Abwässer und Abgase, durch Zerstörung und Vergiftung ganzer Regionen) genauso gleichgültig gegenüber wie der Zerstörung der einzelnen Arbeitskraft.“

So muß auch die Umsetzung des gesunden Gedankens, die gesteigerte Produktivität zur Erleichterung des Lebens zu nutzen, an den „Sachzwängen“ im Kapitalismus scheitern. Produzieren Menschen für den eigenen Bedarf, dann nutzen sie verbesserte Mittel und Methoden schlicht dafür, weniger zu arbeiten und sich, von wirtschaftlicher Notwendigkeit befreit, den ihnen wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu widmen. Der durch die ökonomische Konkurrenz exekutierten betriebswirtschaftlichen Verwertungslogik ist ein solcher Gedanke völlig fremd. Der Unternehmer hat die Arbeitskraft schließlich nicht gekauft, um dem Besitzer eine Freude zu machen; auch wenn man heute im Profitstreben einen „aufopferungsvollen Einsatz“ für die „Schaffung von Arbeitsplätzen“ sehen soll.

Für die durch die Rationalisierungen überflüssig gemachten Arbeitskräf-te können fortan — durch ein ausgeklügeltes Verfahren der Umverteilung innerhalb der lohnabhängigen Klasse — die übriggebliebenen arbeitenden Lohnabhängigen aufkommen, was bei den neiderfüllten Teilen dann wieder zu Mißgunst ob der „Sozialschmarotzer“ führt. Das lassen diese wiederum nicht auf sich sitzen, schließlich wollen sie ja arbeiten, aber die Arbeitenden nähmen ihnen ja die Arbeitsplätze weg etc. (Nun gibt es sicherlich auch wirkliche „Sozialschmarotzer“, diejenigen nämlich, die sich vor der Arbeit — wenn nur irgend möglich — drücken, aber ohne staatlichen Geldzufluß zu dieser gezwungen wären. Diese handeln „betriebswirtschaftlich“ völlig korrekt, nur eben erheblich sympathischer, da es ihnen offensichtlich nicht ums abstrakte Geldmachen und Macht geht, sondern um ein angenehmes und im Idealfall sinnvolles Leben. Wer bei den „Großen“ die betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise nicht kritisieren will, sollte bei den „Kleinen“ den Mund halten. Auch beides „gleichermaßen“ zu kritisieren ist verkehrt, da man Ungleiches bekanntlich nicht gleichbehandeln soll…)

Damit es auch der letzte Marktfundamentalist versteht: Nein, es geht nicht um ein „effektiveres“ Wirtschaftssystem. Der Kapitalismus hat sich eindeutig als die bisher effektivste Art der Beschränkung und Ausnutzung der Ware Arbeitskraft erwiesen, dies sei ihm neidlos zugestanden. Es geht hier vielmehr um ein gänzlich anderes Wirtschaften, um eine ökonomische Ordnung, die den Menschen als differenzierten Persönlichkeiten dient, statt sie lediglich zu Konsumenten und Lohnsklaven zum Zwecke der Kapitalverwertung und der imperialistischen Machtausweitung zu degradieren. Schon gar nicht geht es um die Befriedigung aller möglichen künstlichen Bedürfnisse als „unsterbliches Menschenrecht“, für das man schonmal über Leichen gehen und unsere Lebensgrundlagen zerstören muß. Und schließlich mißgönnt der Autor auch nicht irgendwelchen Bürgern ihren Luxus. Ihre Dummdreistigkeit und ihr Dünkel, nicht ihr gelegentlich protziger Wohlstand, sind die Gründe dafür, warum so mancher „Siegertyp“ Prügel verdient hat. Im übrigen halten wir es mit Ernst Jünger: „Das Wort Freiheit, das wie ein tödliches Schwert über den Ländern geschwungen wurde, nimmt sich im Munde der Krämer um Lohn und Produktion wie ein Diebstahl aus […] Daher lehnen wir das Gejammer der Unterdrückten ab. Unterdrückt zu werden ist keine Schande, aber um Erbarmen flehn, das kann nur erbärmlich sein […]“.

Organisches Weltbild versus Nationalismus

Die Auflösung aller Bindungen und Traditionen und die universelle Nivellierung aller Bestände zur Ware sind die Wirkung des kapitalistischen Prinzips. Indem manche „Linke“ diese Auflösung als „emanzipatorischen Fortschritt“ begrüßen, machen sie sich de facto zum nützlichen Idioten der kapitalistischen Logik. Von einem natürlichen und gesunden Sinn für die eigene Abstammung und die eigene Kultur kann jedoch bei den deutschen Nationalisten in aller Regel auch nicht gesprochen werden. „Volk“ und „Rasse“ werden zu kollektivistischen Heilsbegriffen, Dreh- und Angelpunkt eines naturalistischen Mystizismus und/oder wird schlicht der bürgerliche Individualismus auf das nationale Kollektiv übertragen. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, hat sich doch das so beschworene Volk längst zur formlosen Masse gewandelt.

Das Kuriose bei der Beschwörung der „Volksgemeinschaft“ ist, daß die „Rechtsextremen“ mittlerweile wohl von der Mehrheit der Deutschen zu den „Undeutschen“ gezählt werden. Deutsch sein, bedeutet heute vor allem wirtschaftlich nützlich sein und in Treue zur „objektiven Werteordnung“ des Grundgesetzes stehen. Der Patriotismus der BRD-Demokraten ist zweifellos erheblich zeitgemäßer als jede heutige Beschwörung der „deutschen Volksgemeinschaft“. „Freiheit“, „Demokratie“, „Toleranz“, „Menschenrechte“ eignen sich erheblich besser als Legitimation, um in der Welt „nationale Interessen“ durchzusetzen, zumal sich für deren Verteidigung das deutsche Volk — pardon: die bundesrepublikanische Bevölkerung — aufgrund ihres vorbildlichen, eben mit echter deutscher Gründlichkeit vollzogenen Kultes der „Verantwortung“ besonders auszeichnet. (Jetzt auch angemessen symbolisiert durch das Holokaustdenkmal in Berlin: ein Siegerdenkmal unter umgekehrten Vorzeichen, aber mit dem gleichen Zweck.) Ganz offen wird die Propagierung des Patriotismus mit den notwendigen wirtschaftlichen Opfern begründet, womit bereits hinreichend deutlich gemacht wird, worin der letzte Grund und Zweck der „objektiven Werteordnung“ besteht. Wer sich von diesem Patriotismus nicht angewidert abwendet, dem ist nur schwer zu helfen.

Mit einem bornierten Nationalismus (das heißt dem Erheben der „Lebensinteressen“ der eigenen Nation zum höchsten und letzten Wert) ist in einer Zeit der „Globalisierung“ und des sich immer dreister gebärdenden US-Imperialismus jedenfalls nichts mehr zu gewinnen. Aber auch ein relativistischer „Ethnopluralismus“ oder „völkischer Antiimperialismus“ — sofern nicht nur pure Heuchelei oder „Einsicht in die Notwendigkeit“ — ist (als bloße abstrakte Idee) kaum in der Lage, eine höhere lebendige Einheit zu stiften. Die Einteilung der Welt in eugenisch genormte homelands ist aber nicht nur realitätsfern, sondern auch schlicht nicht wünschenswert. Der völkische Reinheitsfanatismus ist nicht weniger abstoßend als der allvermischende Menschheitssentimentalismus, der moderne Nationalfetisch kaum weniger vermassend als die One-World-Ideologie.

Ernst Jünger lag in dieser Hinsicht schon zu seinen nationalistischen Zeiten richtig, wenn er die Nation nur als Mittel der Bewegung, aber nicht als obersten Wert begriff, um später vom Nationalstaatsgedanken gänzlich Abschied zu nehmen. Und Edgar J. Jung schrieb schon 1930 ewig gültig: „Der Kampf gegen den Individualismus kann nicht einfach beim Denken in Staaten und Völkern abgebrochen werden. Auch hier muß die höhere Einheit gesucht und von ihr auf die Aufgabe des Teiles rückgeschlossen werden. Es geht nicht an, den organischen Staat zu predigen und beim mechanischen Weltbilde stehenzubleiben. Stürzt der Götze des Einzelwesens, so auch der des Einzelvolkes und damit der Nationalstaatsgedanke.“

Das wahrhaft organische Weltbild ist hierarchisch und basiert immer auf transzendenten Prinzipien, die nicht vor sich hergetragen, sondern innerlich verwirklicht werden wollen. Je fester die höhere Einheit ist, um so differenzierter und auch selbständiger können die einzelnen Teile sein. Im Vergleich zur formlosen Masse „Menschheit“ könnte ein Wiederauferstehen eines differenzierten Volksbewußtseins zwar schon einen ersten Fortschritt darstellen. Nicht das Volk dürfte jedoch der Zweck des Einzelnen sein, sondern nur der Einzelne als geistig-aristokratische Persönlichkeit der Zweck des Volkes.

Zukunftsweisend bleibt das völkerverbindende Ethos von Herbert Taege, das er 1977 in die Worte faßte: „Es gilt, dem Bruder im Menschen dieser Welt und den Völkern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen… Ihn in dem Wert seines natürlichen Soseins anzuerkennen und zu fördern: aus dem Vorbild und der weiterreichenden Erkenntnis heraus vorzugehen, hilfreich zu sein und abzugeben. Das gilt im Individualbereich wie im Verhältnis zwischen Völkern. Denn Führung im abendländischen Sinne besteht nicht aus Hochmut, Überlegenheitsdemonstration, Machtausübung, Vergewaltigung oder Druck, sondern in der hohen Verantwortung für die Geführten und die Unterlegenen.“

Dieses hohe Ethos, notwendiger Bestandteil des Kampfes für eine neue Kultur des Seins, wäre jedoch bloße Gutmenschenmoral, wenn es nicht auch den Willen zur Beseitigung des Kapitalismus einschlösse. Denn der Kapitalismus beruht gerade auf der Ausnutzung der eigenen wirtschaftlichen und/oder militärischen Überlegenheit gegenüber Menschen und Völkern.

Der Reichtum einer auf dem Weltmarkt konkurrierenden Nation hängt von der effektiven Nutzung der Bevölkerung ab. Diese wird am besten gewährleistet, wenn die Mehrheit der Bevölkerung nicht über den Reichtum der Gesellschaft verfügt, weil sonst die Notwendigkeit, sich zu verkaufen und „etwas zu leisten“, geringer wird. Der eigenen Nation dazu zu verhelfen, als Gewinner dazustehen, liegt im Kapitalismus im Interesse auch des einfachsten Lohnabhängigen, da es der Bevölkerung in denjenigen Ländern, die im internationalen Konkurrenzkampf um die Kapitalverwertung als Verlierer dastehen, nachweislich schlechter geht als den Menschen in den führenden Wirtschaftsnationen. Kurz: Es liegt im „nationalen Interesse“, die Weltmarktkonkurrenz am Boden zu halten. Damit es „uns“ gut geht, müssen andere von möglichem Wohlstand ausgeschlossen und die Reichen immer reicher werden.

Die Perversität der kapitalistischen Logik müßte auch dem letzten Nationalisten einleuchten, wenn, wie im Zuge der sogenannten Globalisierung üblich, die notwendige Verarmung des eigenen Volkes mit der Armut in anderen Ländern begründet wird. Durch den technischen „Fortschritt“ werden heute immer mehr Menschen als Arbeitskräfte überflüssig, weil durch die neue Technologie erstmals absolut mehr Arbeit eingespart wird, als durch die Ausdehnung der Märkte für die neuen Produkte zusätzlich benötigt wird. Um die restlichen Arbeitsplätze „können“ dann die Lohnabhängigen weltweit konkurrieren.

Wer sich mit dieser Situation nicht abfinden will, steht folglich vor einem „kleinen“ Problem: Die kapitalistische Logik kann nur durch eine übernationale Revolution überwunden werden, die sowohl die innere als auch auch die äußere Konkurrenz mindestens radikal begrenzt. Diese Revolution muß mithin soviele Völker umfassen, daß eine Abkopplung vom Weltmarkt und ein gemeinsames autarkes Wirtschaften gewagt und feindlichen Angriffen getrotzt werden kann. Die Vision eines auf Basis einer höheren Idee und durch eine übernationale Elite geeinten, föderativen und antikapitalistischen Reiches Eurasien ist somit auch — abseits einer nivellierenden „Internationale“ — die richtige Antwort auf die Zumutungen des Kapitalismus. Die Umsetzung des eurasischen Konzeptes mag angesichts der gegenwärtigen internationalen Machtverhältnisse und des geistigen Zustands (insbesondere) der europäischen Völker utopisch klingen, sie ist jedoch nicht unmöglich, sondern „nur“ eine Frage des Willens und der Macht.

Die sogenannten Neoliberalen haben zwar derzeit noch die totalitäre kapitalistische Realität hinter sich, aber ein Sich-Einrichten, die Anpassung an diese dämonische Realität kann für all jene nicht in Frage kommen, die ihre Antibürgerlichkeit ernst meinen und sich nicht bloß als bürgerliches Konkurrenzsubjekt selbst heroisieren wollen. Man kann natürlich auch einfach weiterhin in Spiegel-Manier nach Schuldigen suchen, über die „Nieten in Nadelstreifen“ meckern, den Politikern mangelnden Nationalismus vorwerfen, sich mit ihnen über „Sozialparasiten“ entrüsten oder gegen ausländische Arbeitsplatzräuber wettern.

Über-Personalismus versus Biologismus

Das Durchbrechen der selbstgeschaffenen ideologischen Mauern und ein Aufschwingen zu einer wahrhaft imperialen (und daher antiimperialistischen) Weltanschauung kann wohl nur ein Innehalten bringen, indem man sich wieder die Grundfragen des Lebens stellt, die man vorher vorschnell für beantwortet wähnte. Offenbar ist es nicht sinnvoll, sein Leben einer rein natürlichen Tatsache wie dem eigenen Volk zu weihen, dies nützt nicht einmal dem eigenen Volk. Auch „das Leben“ zum Sinn des Lebens zu erklären, wie etwa der „nationale Vordenker“ Herbert Schweiger es tut, ist nicht durchzuhalten, wenn man eine positive Vision verkündet. Alles ist Leben, alles kann mithin mit dem Begriff des Lebens gerechtfertigt werden.

Die biologistische Weltsicht in der „Rechten“, die im Menschen nur eine besondere Art von Tier sehen kann, ist keine Antwort, sondern Teil der heutigen Misere. So ist nach Herbert Schweiger das Volk eine „soziobiologische Gemeinschaft“, weil der Einzelne von seinen „egoistischen Genen“ getrieben sei, den Volks- beziehungsweise Rassenangehörigen als seinen Nächsten anzuerkennen. „Die Verzichtsbereitschaft des Einzelnen im materiellen Bereich ist gegenüber einem Volksfremden mit einer genetisch bedingten Gefühlsbremse behaftet.“ Nationalismus sei ein „Naturgesetz“ und der „Geist“ gar ein „konzentriertes“. „Die gegenwärtige Lage fördert zwar die materielle Eigensucht des Einzelnen, die sich aber zum Gemeinnutz wandelt, wenn der Gen-Bestand in Gefahr gebracht und nur über die Gemeinschaft gesichert werden kann.“ Dieser „wissenschaftlichen Erkenntnis“ (die natürlich „nicht beweiskräftiger dargestellt werden kann“) traut man dann offenbar doch nicht so ganz, wenn gleichzeitig die Notwendigkeit gesehen wird, dem Volk ein Ideal einzupflanzen, welches dann freilich kaum über die „Heiligung“ der Fortpflanzung, der Volksgemeinschaft und des ewigen Lebenskampfes, der in einem „biologisch bedingten“ Endkampf um die Weltherrschaft gipfeln soll, hinausgeht. Denn: „Das deutsche Volk ist ein auserwähltes [!] und daher unsterblich!“ Der Vorwurf, „totalen Unsinn“ zu vertreten, den Herbert Schweiger gegen Martin Heidegger erhebt, fällt auf ihn selbst zurück.

Ernst Niekisch brachte den Grundfehler des biologistischen Rassendenkens auf den Punkt: „Das Blut ist ein Elementares, es ist eine Tatsache, kein Prinzip. Wo man es zum Prinzip ‚erhebt‘, darf man sich sicher sein, daß der Wille zum Absinken seine Hand im Spiele hat. Das Blut wird zum ‚Prinzip‘ erklärt, wenn man sich nicht offen eingestehen will, daß man vor seinen Blutinstinkten kapituliert hat. Das Auge hat sich der Tiefe, dem Chaotischen zugewandt und blickt nicht mehr in die Höhe und [ins] Freie; aus diesem Grunde hat es keine Horizonte mehr und entdeckt überall, wohin es trifft, das chaotische Element des Blutes. Blut wird so zum Alleinschlüssel für alle Geheimnisse, zur Alleinursache für alle Wirkungen. Wie sehr auch Kultur und Zivilisation im Blute wurzeln, so macht es doch eben ihr Wesen aus, über diesen Urgrund emporzuwachsen, von ihm fort, in den Äther hinaufzustreben.“

Die Islamfeindlichkeit der naturverhafteten „Rechten“ ist von daher nur logisch, bejaht der Islam doch „die Vorherrschaft des spirituellen Faktors über den biologischen“. Was fehlt, ist jedoch nicht ein Wiederaufleben des Rassen- oder Volksnarzißmus, sondern ein echter Über-Personalismus (nicht eine blinde, fanatische, sinnleere Opferbereitschaft), eine tiefe Spiritualität, wie sie sich auch im Islam findet und die der aseristämmige Moskauer Muslim Gejdar Dzemal brillant beschrieb: „[…] im Über-Personalismus des Islam sind der Tod und die wahre Persönlichkeit völlig übereinstimmend. Von daher ist im übrigen nur der authentische Über-Personalismus möglich, denn alles andere führt in der Tat zum Kult des begrenzten Objekts. Hierin finden wir nun, worin der Non-Konformismus des Islam liegt: in der Freiheit von jeder widerruflichen ‚Großartigkeit‘, der Freiheit von allem, was besiegt und zerschlagen werden kann, der Freiheit, schlußendlich, von den Göttern, die eine Dämmerung kennen können. Wenn die Sonne, aufgrund des entropischen Schicksal jeder Ausstrahlung, sich erschöpfen kann, dann wird der Muslim eben in der Nacht beten. Das kann als ein grenzenloser Wille des Guten definiert werden, als eine grenzenlose Sehnsucht nach Größe, die einen Ausfluß und Ausdruck für sich nur im Haß auf die Götzen finden kann.“

Die zugrundeliegende Haltung ist Ausdruck einer grenzenlosen inneren Freiheit. Die „fanatischen Sinnsucher“ sind nicht bereit, ihre Suche eher zu beenden, als bis sie beim reinen Absoluten angelangt ist, das von der Summe alles Seienden verschieden ist, aber dennoch unermeßlich nahe.

Die spirituelle Verwirklichung ist das Höchste, was dem Menschen beschieden ist. Ausgefallener und anspruchsvoller Ziele einer absoluten, im metaphysischen Sinne verstandenen Initiation bedarf es dabei nicht. Bereits die ständig fortschreitende Wandlung, die die existentielle Ebene erfaßt (und somit gerade nicht nur eine „Pose existentiellen Ernstes“ ist), hebt einen innerlich aus dem Nichts der demokratischen Massengesellschaft und verleiht dem eigenen Leben einen unanfechtbaren Sinn. Der Über-Personalismus ist das genaue Gegenteil einer blutlosen Abstraktion; er ist Ausdruck einer geistigen Qualität, die sich freilich körperlich und seelisch auf unterschiedliche Weise ausdrücken kann.

Es wäre natürlich abwegig, zu behaupten, Dzemal gebe mit seinen Worten das Islamverständnis der nächstbesten Muslime von nebenan wieder. Aber vielleicht ist dies der höchste Ausdruck des „wahren Islam“? Lassen wir dies dahingestellt sein, dieser Islam ist „uns“ jedenfalls überhaupt nicht fremd. Jeder Mensch dieser Haltung steht einem näher als irgendein gewöhnlicher Bundesbürger; es ist nicht nachzuvollziehen, wie man es anders sehen kann.

Positive Askese als Lebensform

Solange Menschen in diesem Land noch „etwas zu verlieren“ haben (wie es die Bürger so schön zu formulieren belieben), werden sie mehrheitlich den Weg der Anpassung gehen, wenn ihnen keine konkrete, am besten schon morgen umsetzbare Alternative geboten wird oder ihnen das häufig von einem nonkonformen Konformismus geprägte Ghettodasein (verständlicherweise) nicht sehr verlockend erscheint. Die Herrschenden können sich (noch) sicher sein, daß letzten Endes die meisten unter dem Druck wirtschaftlicher Not schließlich mit dem Strom schwimmen werden. Wie erwartet werden auch die meisten Rebellen von gestern planmäßig zu den Angepaßten von heute. Das Strohfeuer des jungen Idealismus brennt nur solange, wie dieser mit den eigenen Begierden im Einklang steht. Familienmitglieder, Freunde oder die neue Flamme, die ihrerseits schon vom „System“ sorgfältig erzogen und erfolgreich programmiert wurden, üben den sublimen Druck aus, doch „endlich vernünftig“ zu werden, der einen schließlich weich werden läßt. So erinnert man sich schließlich der bürgerlichen Maxime: „Werde groß, lerne fleißig, suche dir eine gute Arbeit und verdiene viel Geld.“ Den Jugendsünden wird abgeschworen, und man wird zu ebendem Spießer, den man immer so verachtet hat, ob als aussteigender Einsteiger oder als nur noch „biologischer Kämpfer“, der sich über seine eigene praktische Korrumpierung selbst hinweglügt. (Unberücksichtigt bleiben bei dieser Betrachtung, die vielen konformen Rebellen und radikalisierten Spießer, die gegen dieses System im Grunde gar nichts einzuwenden haben, außer daß sie nicht selbst an den Schalthebeln sitzen, um gegen die eingebildeten und wirklichen Feinde mal so richtig „durchgreifen“ zu können.)

Die der Anpassung (aber auch einem ich-verhärtenden Fanatismus) entgegengesetzte positive Askese beinhaltet keine Selbstvergewaltigung, keine Unterdrückung oder Verdrängung der Leidenschaften. Positive Askese ist Askese (grch.-nlat. „Übung“) im Ursinne des Wortes: Schulung in der Loslösung von allen sinnlichen Fesseln und das Erheben in die Sphäre des dem Absoluten hingegebenen Geistes. Positive Askese bedeutet somit insbesondere Freiwerden von der eigenen Triebbestimmtheit, dem ewigen Haben-Wollen, der Statusangst, der Erfolgsgier und der Sucht des Sich-geliebt-fühlen-Müssens. Wer die eigenen Triebe emporführt, kann erfahren, was aktive, überpersönliche Liebe bedeutet, und erkennen, wie vergleichsweise dürftig die passive, allzumenschliche Liebe ist. „Es gibt keinen Gegenstand der begehrlichen oder passiven Lust, der nicht auch Gegenstand der heroischen sein könnte, und umgekehrt.“

Positive Askese ist nicht die schmallippige Enthaltsamkeit, sondern ein ungeheurer Zuwachs an Freude. (Der Gleichmut gegenüber Freude und Schmerz ist eine wesentliche Bedingung dieser höheren Freude.) Ihr Zweck ist nicht Schwächung, sondern eine Reinigung und zugleich Stärkung der eigenen Antriebe. Positive Askese ist somit auch nichts, auf das man „stolz“ sein könnte, sondern schlicht Ausdruck authentischer Freiheit, der Überschreitung des Nur-Menschlichen. „Es muß viel Lebenskraft da sein, viel Lebensfreude, damit Askese stattfinden kann. Wenn wir uns nicht für Askese interessieren, heißt das: Wir haben zuwenig Freude, zuwenig Kraft — wir sind zu kaputt. Nicht deshalb betreiben wir keine Askese, weil wir soviel vom Gegenteil treiben, sondern umgekehrt, weil wir nichts mehr zusammenbringen. Wir sind die Lauen, die ausgespien werden.“

Der Verzicht resultiert in der positiven Askese auch in seiner „entsagungsvollsten“ Form aus einer rein natürlichen Abneigung gegen Dinge, „die im allgemeinen als anziehend und begehrenswert angesehen werden. Dieser Verzicht ist von Stärke diktiert und nicht durch das Bedürfen auferlegt, sondern gewollt, um das Bedürfen zu überwinden und wiederum ein vollkommenes Leben wiederherzustellen.“

Die positive Askese unterscheidet sich folglich fundamental vom modernen Erlebniskult, dem Fitneßzentrum-Narzißmus, aber auch von einer bloß vernünftigen „Lust-Unlust-Ökonomie“. Es geht nicht darum, sich an den eigenen Machenschaften zu berauschen, sondern sein kleines Ich zu transformieren. Die moderne Selbstverwirklichungsmanie inthronisiert dagegen recht eigentlich nur wieder „die Triebe, die jetzt Persönlichkeit genannt werden“.

Positive Askese ermöglicht es, sich aus dem verzopften bürgerlichen Konformismus der Moralisten und bornierten Ideologen aller Schattie-rungen zu befreien und sich gleichzeitig an „jenes“ zu binden, welches allein dem eigenen Leben Sinn verleihen kann: die Absolute Wirklichkeit. Die jeder authentischen praktischen Metaphysik zugrundeliegende positive Askese ist somit auch eine angemessene Lebensform angesichts einer alle Lebensbereiche durchdringenden kapitalistischen Logik.

Wider die bürgerliche Moral

Der politische Denker des siegreichen politischen Bürgertums ist der Engländer John Locke. Gott gab, laut Locke, die Erde den Fleißigen und Vernünftigen. Das Ziel der Gesellschaft, der Staatsgewalt und der Regierung bestehe in der Erhaltung des Eigentums der Individuen. Locke subsumierte praktisch die gesamte politische Struktur in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter ein einziges abstraktes Geld- und Schacherverhältnis. Aber erst mit dem Sieg des bürgerlich-kapitalistischen Geistes werden alle Verhältnisse unter dieses eine Verhältnis subsumiert, um dann schließlich mit der erfolgreichen Durchsetzung des Kapitalismus auch faktisch unter dieses subsumiert zu sein. Die Ökonomie, vorher lediglich eine in die Gemeinschaft eingebettete und kontrollierte Notwendigkeit, wird zum zentralen Inhalt der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, an dem fortan alles menschliche Handeln gemessen wird. Während die Handwerker im Mittelalter für einen regional beschränkten Markt ohne bedeutende Konkurrenz produzierten, also nicht für einen Markt im heutigen Sinne, wird das bürgerliche Konkurrenzsubjekt durch den Sieg des bürgerlich-kapitalistischen Geistes zum „Naturgesetz“. Mit der Durchsetzung des Kapitalismus wird die Selbsterhaltung in der kapitalistischen Konkurrenz die höchste und letzte moralische Pflicht.

Die dem Kapitalismus gemäße „innerweltliche Askese“ (Max Weber) ist weniger eine niedere Form der positiven Askese als vielmehr deren Gegenteil. Nicht nur die utilitaristische Leistungsmoral, sondern auch die Pflichtethik des deutschen Säulenheiligen Immanuel Kant ist hierzu zu zählen. Die Kantsche Pflichtethik erweist sich als völlig abstrakt und ent-sinn-licht, es fehlt ihre jede tiefere Rechtfertigung. Dies zeigen die Beispiele, die Kant zur Veranschaulichung seiner Gedanken anführt: „Sie reduzieren sich restlos auf Äußerungen bürgerlicher Wohlanständigkeit. Heldentum und Heldentat finden im Rahmen des Kantschen Imperativs keinen Platz. Man ist durchaus nicht verpflichtet, sich aufzuopfern, insofern man von den anderen kein solches Opfer verlangt.“ Der Glaube ist bei Kant entsprechend eine dürre Abstraktion. Dieser „Alleszertrümmerer“ warf den Kern weg und behielt die Nußschale, bei dessen Anblick ihn sonst kaum bekannte Gefühle überkommen, freilich ein „durch einen Vernunftbegriff selbstgewirktes Gefühl“. Diese sinnlose Verkehrung jeder spirituellen Disziplin ist die perfekte staatsbürgerliche Ergänzung zum praktischen Gebot des abstrakten Geldmachens und des Konsums, der bekanntlich nur die Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln ist.

Die Behauptung, Pflichterfüllung meine bei Kant kein Sich-Beugen unter äußere Autorität, sondern seiner inneren Wahrheit zu folgen, ist unbegründet, verneint doch Kant ausdrücklich ein Widerstandsrecht. Mit dem „wollen können“ des kategorischen Imperativs ist, recht betrachtet, ein „wollen sollen“ gemeint. Der wahre Sinn des kategorischen Imperativs lautet: „Handle nach einer Maxime, von der du wollen sollst, daß sie zum allgemeinen Gesetz werde.“ Sehr treffend schreibt Eugen Paschukanis: „Das ganze Pathos des Kantschen kategorischen Imperativs reduziert sich darauf, daß der Mensch ‚frei‘, das heißt aus innerer Überzeugung das tut, wozu er in der Sphäre des Rechts gezwungen werden würde.“ „Frei“ wird, wer sich besonders tüchtig einreiht. Die Freiheit von der Willkür der anderen ist durch die Übernahme ihrer verkehrten Werturteile erkauft. Das ist die Freiheit, die die bürgerliche Ideologie als moralische und politische Freiheit verklärt. Der letzte Konformist empfindet sich noch als frei. „Er darf ja tun, was er will, weil er nur will, was er soll.“

Die Fähigkeit der Anerkennung der Grundprinzipien einer gesunden Ordnung (zu diesen gehört auch der Vorrang der politischen vor der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung) unterscheidet die Menschen existentiell. Die freiwillige Unterwerfung unter eine abstrakte, bürgerlich-kapitalistische Moral ist dagegen ein Sadismus, der gegen die eigene Person gerichtet ist. „Wie der Mensch nur wahrhaft frei und er selbst sein kann, wenn er einer freien Tätigkeit nachgeht, so dankt er ab, wenn er sich nur auf praktische und nutzbringende Ziele, auf wirtschaftliche Erfolge […] konzentriert. Er löst sich auf, verliert sein Zentrum.“

Über das moderne westliche Christentum braucht man in diesem Zusammenhang nicht viele Worte verlieren: Statt die Menschen zu erheben, macht sich der Musterchrist zum Diener des Mammons, indem er der Indienststellung der Religion für den bürgerlichen Staat das Wort redet und nach allen Regeln der Kunst tatkräftig mithilft, diese Maschinerie am laufen zu halten.

Nicht die nervtötende Moraltrompete, sondern der treue Begleiter durch allerlei eigene Dummheiten, die die eigene Schwäche für einen bereit hält, das ist der gute Freund und Kamerad. Es gebricht an Menschen, die einem in allen Lebenslagen den Weg „nach oben“ weisen, an uneigennützigen Mahnern, die eigene Mitte nicht zu verlieren. Kein Mangel besteht dagegen an selbsternannten oder bezahlten Morallehrern, die den Menschen die vermeintlich guten Gründe für ihr Streben nach Anpassung an einen afterreligiösen Kapitalismus und seiner notwendigen idealistischen und adäquaten Ergänzung liefern: dem demokratischen Staat. Im Kapitalismus kann man sein Verhalten nicht an Grundsätzen ausrichten, die für einen dann verbindlich wären, wäre die Umgebung eine andere. Julius Evola drückte es treffend aus: In „einer Gesellschaft und einer Kultur wie der heutigen, insbesondere was Amerika betrifft, [ist] im Rebellen, der sich nicht anpaßt, sowie im Asozialen grundsätzlich der gesunde Mensch zu sehen […]“

Damit soll keineswegs eine „Verweigerung aus Gewissensgründen“ propagiert werden. Aber umgekehrt gibt es auch keinen einsichtigen Grund dafür, Anpassung an die kapitalistische Realität und „ehrliche Arbeit“ als ein Gütesiegel zu betrachten. „Der anders seiende Mensch fühlt sich völlig außerhalb der Gesellschaft, er erkennt die Forderung, sich in ein […] absurdes System einzufügen, nicht an.“

Über Freiheit, Gleichheit und Demokratie

Der verbreitete Gedanke, die Demokratie sei von allen schlechten Regierungsformen noch immer die beste, verbietet sich schon aufgrund seiner impliziten Verharmlosung der Demokratie. Das gleiche gilt für eine Kritik der Demokratie, die in ihr lediglich eine „Schwächung des Staates“ erblickt.

Die Demokratie ist die adäquate Herrschaftsform des Kapitalismus, weil sie im Bereich der Öffentlichkeit oder dem Bereich des Politischen mit vergleichsweise geringen Sanktionen auskommt. Die von den liberalen Demokraten gepriesenen Freiheiten — insbesondere Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit — sind unbestreitbar Bestandteile einer entwickelten Demokratie. Der Erfolg der Demokratie beruht auf der wohlorganisierten Umwandlung von Unzufriedenheit in bloße Meinung. Durch die Einführung der „Kritik“ der Gesellschaft in die Gesellschaft wird sie gegen Kritik immun. Fundamentale Kritik erscheint dem Bürger geradezu als ungehörig, da man doch seine „Meinung“ sagen kann. An die Stelle substantieller Kritik tritt somit das (scheinbar) pluralistische Geplapper.

Recht und Gesetz sind nicht Schranken staatlichen Handelns, sondern Methode, wie der Staat die „mündigen Bürger“ zu dem zwingt, was er von ihnen will. So wie die Handlungsfreiheit des Individuums im Rahmen eines Rechtsstaates funktionell für das kapitalistische Wirtschaften ist, da sie notwendige Voraussetzung für die ökonomische Konkurrenz ist, sind die politischen Freiheiten funktionell für die Demokratie. Das bedeutet gleichzeitig: Die politischen Freiheiten haben dort ihre Grenzen, wo sie aufhören für die Demokratie funktionell (oder wenigstens opportun) zu sein, denn die entwickelte Demokratie ist eine „wehrhafte Demokratie“.

Die moderne freiheitliche Demokratie leitet ihre Legitimität nicht vorrangig — wie oft fälschlich geglaubt — aus der Zustimmung des Volkes ab. Sie ist keine „Volksherrschaft“, sie ist nach dem eigenen Selbstverständnis eine nicht nur formale, sondern materiale rechtsstaatliche Demokratie. Auch wenn alle Staatsgewalt vom Volke ausgehen soll (vgl. Art. 20 Abs. 1 S. 1 GG), basiert der demokratische Staat vorrangig auf der von den Grund- und Freiheitsrechten geformten Struktur, die das isolierte und individualitätslose, das heißt abstrakte Individuum zu ihrem Element hat.

Dem abstrakten Individuum entspricht eine ebenso abstrakte Freiheit. In der postulierten „Urfreiheit“ ist das grundlegende Prinzip der modernen westlichen Demokratie zu sehen. Die „Urfreiheit“ besitzt selbst keine Qualität, sie ist ein reines Abstraktum. Betrachtet man diese „Freiheit“ jedoch auf der historischen Ebene und begreift sie als Bestandteil der kapitalistischen Subversion, die ihr mit der umfassenden Verwandlung auch der Arbeitskraft in eine Ware ja erst zum Durchbruch gegen die feudale Ordnung verholfen hat, dann erkennt man diese Rechtsidee als subversiven Wahn. Vom Standpunkt der „Urfreiheit“ nutzt es einem „obrigkeitlich verfaßten Staat“ überhaupt nichts, wenn es seinen Angehörigen viele konkrete, positive Freiheiten gewährt, er verfällt dem Verdikt des Unrechtsstaates schon deshalb, weil er nicht (wie der „materiale Rechtsstaat“) auf der Anerkenntnis der abstrakten „Urfreiheit“ der Rechtsgenossen gründet, sondern ganz offen auf Macht beziehungsweise Gottesrecht. Die Begründung sieht dann beispielsweise so aus:

„Denn in dem Falle, daß Macht vor Freiheit geht, ist ‚Recht‘ das, was die Macht als solches setzt, in dem anderen Falle hingegen, daß Freiheit vor Macht geht — jetzt natürlich die Urfreiheit der Rechtsgenossen —, ist der ursprünglich rechtssetzende Urakt nicht ein Akt der Setzung (zum Beispiel einer obersten Norm), sondern ein Akt der Anerkennung von Recht, das mit der Freiheit im Sinne von Kants ‚ursprünglich angeborenem Recht‘ als solches schon da ist. […] Nur wo Freiheit ist, ist auch Rechtszwang — und eben nicht Naturzwang, etwa im Sinne des ‚Rechts‘ des Stärkeren, des instrumentalisierten Rechtsbegriffs, oder in heteronomer Ordnung oder Befugnis. Der Rechtszwang dient nicht der Willkür rechtsexterner Interessen, er befestigt nur die Freiheitsräume, in welche Rechtssubjekte sich teilen, er ist insofern Realisationsbedingung von Freiheit.“

Eine politische Ordnung, die nicht nur deklaratorisch auf transzendenten Prinzipien gründet, erscheint aus dieser freiheitsfetischistischen Sicht als „Verachtung des Mensch(lich)en“. Das Hierarchisieren der Menschen entsprechend ihrer spirituellen Stärke und ihrer Funktion ist nach dieser Logik freiheitsfeindlich und menschenverachtend, weil der einzelne Mensch daran gemessen wird, „wie gut er seine Funktion erfüllt beziehungsweise dem vorgegebenen Zweck dient“. Trunken von seinem eigenen, mit Kant-Floskeln durchsetzten Freiheitsgerede übersieht mancher Demokrat schon mal gerne, daß dem freiheitlich-demokratischen Rechtsidealismus in der Realität ein „sanktionsstarkes Subsystem“ gegenübersteht: „Das ist der Bereich der Wirtschaft […] Wer seine Rolle gut spielt, wird mit gutem Einkommen belohnt, wer seine Rolle schlecht spielt, wird mit geringem Einkommen bestraft.“ Es ist also nicht weit her mit der „Freiheit vom Motivzwang der gesellschaftlichen Umwelt“, dem das liberalistische Recht angeblich dienen soll.

Mit der Tatsache, daß der Einzelne zu den Erfolgreichen der Gesellschaft gehört, ist schon „bewiesen“, daß er besonders „intelligent“ sein muß. Die unterschiedlichen Lebensverhältnisse sind daher per se gerecht. Es ist im Grunde egal, was man macht, sofern man nur „seine Rolle gut spielt“, das heißt Erfolg hat. Der Erfolg ist der oberste Wert der kapitalistischen Gesellschaft. Der bürgerliche Staatsidealismus ist nicht der Kontrapunkt zur Erfolgsmoral, das heißt zum „Recht des Stärkeren“, sondern deren notwendige Ergänzung.

Der Liberalismus ist eben keine schlichte Gleichmacherei, wie häufig auch von seinen Gegnern zu kurz greifend angenommen und kritisiert wird. Der liberale Gleichheitsbegriff ist keineswegs „ein Anspruch auf gleichen Lebensgenuß.“ Wirkliche Menschen sind nach liberalistischer Auffassung in keiner anderen Hinsicht wirklich gleich als in ihrer gleichen Bestimmung als abstrakte Individuen. Freiheit wie Gleichheit sind keine unmittelbar empirischen Eigenschaften der Rechtssubjekte. Auch die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft kennt „verschiedene Freiheiten“, und die jeweilige Freiheit bemißt sich ganz banal am Erfolg. Persönlichkeitswert ist in der bürgerlichen Gesellschaft nur in der Theorie etwas Unbedingtes, in Wirklichkeit wird der Mensch auch im Liberalismus nach seiner „im Gemeinschaftsleben“ entwickelten „Leistung“ geschätzt, die an seiner Nützlichkeit für das abstrakte Geldmachen gemessen wird. Auch dem folgenden Satz Edgar J. Jungs kann ein Liberaler aus vollem Herzen zustimmen: „Die Freiheit als erreichbares Ziel in der Welt des Stoffes und menschlichen Gesellschaft zu verlegen, heißt, sie entmenschlichen […] Denn nur die Einfügung in die gegebene Notwendigkeit vermag diese zu überwinden. Verneinung des Schicksals führt zur Willkür, die als ewige Empörung ewige Unfreiheit stiftet.“ Als Schicksal erscheinen dem demokratischen „Marktwirtschaftler“ freilich die scheinbar naturgesetzlichen kapitalistischen Prinzipien.

Während alle Wahrheit heute als relativ, subjektiv und flexibel gilt, sind die Prinzipien des kapitalistischen Wirtschaftens zu den unangefochtenen und absoluten Richtlinien unseres Lebens geworden. Der Liberalismus ist damit de facto auch nicht individualistisch, denn nicht das „sittliche Individuum“ steht im Zentrum und ist Endzweck, sondern der kollektive Wille des Marktes. Die modernen demokratischen Industriegesellschaften sind nur scheinbar pluralistisch. Allen modernen Theorien liegt der „objektivierte negative Real-Universalismus der kapitalistischen Reproduktions- und Verkehrsform“ zugrunde. Die vielfältigen Subkulturen in der demokratischen Massengesellschaft gaukeln einem „eine Buntheit des demokratischen Lebens auf dem grauen Kasernenhof und in den Folterkellern des ökonomischen Terrors“ vor.

Die überkommene konservative Kritik des Liberalismus trifft weniger den Realliberalismus als vielmehr die Idealisten von „Freiheit und Gleichheit“. Diese vergötzen das „sittliche Individuum“ und bezweifeln die Realität der Gleichheit vor der Staatsgewalt mit den merklichen Unterschieden in dieser Gesellschaft, machen aus der Gleichheit ein Ideal, dessen praktische Verwirklichung sie vom Staat einfordern. Dieses säkulare Gleichheitsideal ist natürlich absoluter Nonsens. Das alles ändert aber nichts daran, daß Freiheit und Gleichheit die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft konstituieren. Die Menschen sind „frei“, weil sie nicht das Privateigentum eines anderen sind, sondern sich auf dem Arbeitsmarkt verkaufen „können“. Die Menschen sind gleich — vor dem Gesetz, insofern sie unter Ausblendung aller tatsächlichen und gesellschaftlichen Unterschiede verpflichtet werden, die ökonomische Konkurrenz unter Respektierung des kapitalistischen Privateigentums abzuwickeln. Die freie und gleiche Rechtsperson erweist sich als „der in den Wolkenhimmel versetzte abstrakte Warenbesitzer“.

Für den obersten Zweck des abstrakten Geldmachens wäre es natürlich überhaupt nicht förderlich, wenn die Menschen sich über das Sein definierten, und nicht über das Haben (oder sich einem Erlebniskult verschrieben, der glücklicherweise auch wieder Geld kostet), und daher erfüllt sich die „wahre Gleichheit“ nur in ihrer säkularisierten Form, das heißt ohne transzendente Ansprüche an den Menschen. Beliebige Bedürfnisse, wenn sie sich nur massiv genug — und vor allem zahlungskräftig! — geltend machen, zum Maß aller Dinge zu machen, das ist „wahre Gleichheit und Menschenliebe“.

Für eine neue Hierarchie

Alle geschichtlich erfolgreichen Gründungen erfolgten durch eine Elite und von einer Idee her. Um die Schaffung einer Elite kommt niemand, der ernsthaft eine Veränderung anstrebt, herum. An eine Art alternative bürgerlich-kapitalistische Elite wird hier selbstredend nicht gedacht. Zur Elite gehört heute im Grunde jeder charakterlose Fachidiot, jeder skrupellose „Unternehmer“ und jeder erfolgreiche demokratische Politkasper. Gleichfalls soll nicht den Tausenden selbsternannten „Eliten“ der Kleinstgruppen und Sekten noch eine hinzugefügt werden. Vom heute wieder offen grassierenden Elitebewußtsein muß man sich vielmehr radikal abzugrenzen. Denn das moderne Elitebewußtsein gründet im Machtkitzel, der nach Werner Sombart geradezu ein „Wahrzeichen des modernen Geistes“ ist. Er ist „die Freude daran, uns anderen überlegen zeigen zu können“. Der elitäre Dünkel zeigt sich auch noch in der betonten Volksnähe der herrschenden Klasse, im sicheren Bewußtsein darum, wer hier volksnah ist. Der Machtkitzel „ist im letzten Grunde ein Eingeständnis der Schwäche. Ein Mensch mit wahrer innerer und natürlicher Größe wird niemals der äußeren Macht einen besonderen hohen Wert beimessen“.

Die Verachtung des Machtmenschen muß ein wesentliches Kennzeichen einer Bewegung sein, die sich anschickt, der bürgerlich-kapitalistischen Subversion ein gerechtes Ende zu bereiten. „Macht verdient im Grunde der allein, der in sich selbst den Willen zur Macht überwunden, ja gebrochen hat.“ Wer unbedingt Führer sein will, hat sich bereits disqualifiziert. Führer darf nur jener sein, der im größeren Maße Tugenden besitzt und damit Beispiel für die anderen ist. Diese Tugenden besitzt nicht notwendig derjenige, der „mehr leistet“, sondern vor allem derjenige, der mehr (Über-) Persönlichkeit besitzt. Nicht die horizontale Quantität, sondern die vertikale Qualität ist entscheidend; oder, um es mit Cicero auszudrücken: „[…] nicht wieviel einer nutzt, sondern was einer ist, fällt ins Gewicht.“ Die horizontale „Leistung“ zum entscheidenden Maßstab für das Führertum zu machen, gehört selbst noch der bürgerlichen Ebene an. Auch im Namen der Leistung stürzte das Bürgertum die feudale Ordnung. (Die bürgerliche Betonung der Leistung ist natürlich wieder bloße Idealisierung beziehungsweise Demagogie, denn im Kapitalismus wird gerade nicht nach Leistung, sondern nach Angebot und Nachfrage bezahlt, handele es sich nun um die eigene Arbeitskraft, Grundeigentum oder Kapital.)

Nicht der von seinen eigenen Machenschaften berauschte Idiot der bürgerlichen Gesellschaft, nicht die blasse Larve des Intellektuellen, die narzißtische Hampelmannsgestalt des „Künstlers“, die geschäftige und schmutzige Maschinerie des Bankiers und Politikers, die sich selbst glorifizierende Dummheit des Arbeiters oder die innerliche Abgestumpftheit der „Unternehmernatur“ kann das Leitbild sein. Ein Einfluß von oben nach oben ist es, der mitreißen und einigen muß. Die Anerkennung muß auf spontane, natürliche Weise erfolgen und „ein besonderes Fluidum, eine Lebenssubstanz für die organischen und hierarchischen Gliederungen“ schaffen.

Wohl kaum jemand sehnte sich das demokratische Politpersonal zurück, wenn die Ökonomie im Dienste der Menschen organisiert wäre, statt der Kapitalverwertungslogik unterworfen zu sein, und die politischen Führer nicht mehr von Demagogen, Intriganten und Selbstdarstellern gestellt würden, sondern durch eine überpersönliche Elite, die sich nicht nach „unten“, sondern nach „oben“ ausrichtet und gerade dadurch den Völkern — frei von jeder demokratischen Rhetorik — am meisten dient. Dies wissen im Grunde auch die werten Demokraten, die jedem geradeaus denkenden Menschen altertümliche, undemokratische Gedanken vorwerfen, wenn diese an die Politiker — völlig zu Recht — einen höheren (wenngleich häufig falschen) Maßstab anlegen als an sich selbst.

Der Niedergang des alten Adels hat zur Folge, daß die künftigen politisch-geistigen Führer durch einen materiell bescheidenen Lebensstil geprägt sein müssen. Dies läßt den Neidkomplex ins Leere gehen, und Heuchler und Karrieristen werden von vornherein abgeschreckt. (Daß Demokraten dagegen durch ein großzügiges Einkommen bestochen werden müssen, liegt auf der Hand. Darauf weisen diese selbst immer wieder hin, wenn der „mündige Bürger“ und Steuerzahler sich mal wieder über die Diäten der Politiker staatskonform aufregen darf.)

Der Über-Personalismus und die positive Askese legen somit zugleich den Grundstein für eine Ordnung, die menschenwürdig ist, und bewahrt einen gleichzeitig vor dem würdelosen Schauspiel, sich dem Volk, um es „zu erreichen“, in guter alter demagogischer Weise anzubiedern und zu prostituieren. Man unterwirft sich nicht bürgerlichen Maßstäben, sondern negiert diese und verkörpert — soweit dies unter den gegebenen Umständen möglich und sinnvoll ist — neue. Weder der Staat noch das Volk und schon gar nicht der Erfolg können als letzter und höchster Wert anerkannt werden.

Nur aus der Hinwendung zur Absoluten Wirklichkeit können der Geist, der Wille, die Kraft und die Freiheit entspringen, die für die Schaffung einer neuen wahrhaft hierarchischen Ordnung und einer erneuerten menschenwürdigen Kultur des Seins notwendig sind.

Vervollkommnung des Menschen als Ziel

Nicht ein utopischer Hedonismus und die Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner können das Ziel sein, wie es vielen radikalen „Linken“ vorschwebt, sondern vielmehr die Wieder-Einbettung der Ökonomie und die Schaffung einer anagogischen (emporführenden) politischen Ordnung.

Auf Basis einer hierarchischen, nicht-dualistischen, im Über-Zeitlichen wurzelnden Weltanschauung ist es möglich, die Freiheit des Einzelnen in eine sinnvolle politische Ordnung einzubinden, die nicht zum Ziel hat, ihre Mitglieder für fremde Zwecke zu benutzen, sondern die der Entwicklung seiner Fähigkeiten dient. Ohne in nivellierende Beliebigkeit abzugleiten, schützt und fördert eine echte anagogische Ordnung die freie Persönlichkeit als differenziertes Wesen und beugt jeder mörderischen Unduldsamkeit vor. Authentische Spiritualität ist keine Sache des Zwangs, sondern eine im Menschen enthaltene Möglichkeit, die der einzelne ergreifen kann oder auch nicht. Es gibt keine allgemeine Pflicht eine Überlegenheit über den eigenen naturverhafteten Teil zu gewinnen, es ist vielmehr das vornehmste Recht und Geschenk des Menschen, es zu können; das ist die echte Freiheit des Menschen. Liebe erweckt man in einem Menschen ganz sicher nicht mit der moralischen Forderung: „Du sollst lieben!“ Statt mit einem rigoristischen Müssen und Nicht-Dürfen zu hantieren, kann man im Grunde nur nüchtern feststellen, daß von einem reinen Handeln nur dann gesprochen werden kann, wenn eine überpersönliche Liebe die Triebkraft ist. Das „Leben“ ist nichts, wenn es nicht eine Annäherung und Teilhaftigkeit an das ist, was „Mehr-als-Leben“ ist.

In den verschiedensten Gesellschaften werden die Menschen mit Auffassungen und Fertigkeiten ausgestattet, die jeweils als vernünftig und nützlich gelten. Daran ist nichts kritikabel. Jede Kritik kann nur die jeweils unterschiedlichen Ziele von Erziehung, die zugehörigen Verfahren und den Grund und Zweck betreffen. Der Unterschied zwischen der bürgerlichen „Linken“ und der bürgerlichen „Rechten“ besteht lediglich in der unterschiedlichen Auslegung des Sollens, während die letzteren dieses Sollen als einen äußeren Maßstab betrachten, der per Formung dem Willen eingepflanzt werden muß, deuten es die ersteren als ein ausschließlich aus dem Willen hervorgegangenes. In beiden Fällen liegt das Maß der Erziehung nicht in der Erweckung von Fähigkeiten, sondern in der erfolgreichen Anpassung an die vorgefundene bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft, zur Not gegen alle eigenen Antriebe.

Im Gegensatz hierzu läge das Maß der Erziehung in einer nicht-kapitalistischen, anagogischen Ordnung vor allem in der Förderung vertikaler Fähigkeiten. Denn die innere Erhebung, die Entfaltung der Persönlichkeit im integralen und „überweltlichen“ Sinne ist der wirkliche Sinn des Lebens. Monotheistisch ausgedrückt: Nicht Gott hat den Menschen (als „Opium des Volkes“) und nicht die Menschen der Kapitalverwertung zu dienen, sondern die Ökonomie den Menschen, damit die Menschen in freier Weise Gott dienen können. Während die modernen Wissenschaften und der bürgerliche Staat einen sehr berechnenden Zugang zur Religion haben, ihr vor allem eine nützliche gesellschaftliche Funktion zuschreiben, ist die spirituelle Verwirklichung in einer legitimen Ordnung das wirkliche Ziel. Nicht die Nation, nicht die Menschheit, sondern die „Vervollkommnung des Menschen ist das Ziel, dem sich jede gesunde Ordnung unterwerfen muß und das sie so weit, wie nur möglich, zu fördern hat“.

Da die Vervollkommnung des Menschen vor allem eine Angelegenheit des Herzens ist, schützte eine von der kapitalistischen Logik befreite anagogische Ordnung die Menschen in ihrer positiven Freiheit weit mehr als der Realliberalismus, der den Wert des Menschen vor allem an seiner offensichtlichen Nützlichkeit für das abstrakte Geldmachen bemißt.

Ein stupider Moralismus (der heute vor allem als Toleranzathletentum auftritt, denn vor dem Geld sind alle Menschen gleich) ist dem bürgerlichen Staat wesenseigen, in einer genuin anagogischen Ordnung ist er ein Fremdkörper, denn nicht Moral ist das Ziel, sondern spirituelle Verwirklichung. Auf die „demokratische Kultur“ kann der differenzierte Mensch gut und gerne verzichten, auf das göttliche Recht der Menschen, in einem auf das Absolute hin ausgerichteten, die Menschen emporführenden Staat zu leben, schon weniger.

Epilog

Der jüngst verstorbene SPD-Intellektuelle Peter Glotz prognostizierte hell-sichtig in seinem Buch Die beschleunigte Gesellschaft: Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus (1999) einen immer größer werdenden Teil der Gesellschaft, der sich der „beschleunigten Gesellschaft“ entzieht und sich freiwillig im unteren Drittel der Gesellschaft einordnet: „Je weitgehender der digitale Kapitalismus unsere Wirklichkeit bestimmen wird, desto größer wird die Zahl freiwilliger Um- oder Absteiger werden. Das bringt eine Unterklasse von ganzer neuer Komposition hervor, eben das dritte Drittel.“ Immer mehr Menschen werden ökonomisch schlicht überflüssig, aber auch immer mehr Menschen begreifen, daß die „Chancen“, die die „Marktwirtschaft“ einem eröffnet, eine Falle sind, um sie zu bloßen Rädchen im Getriebe einer Kapital-verwertungsmaschinerie zu machen, sie zu benutzen und zu verschleißen.

Es wäre in jedem Fall zu begrüßen, wenn sich die Unterklassen ihrer absurden Situation bewußt werden, revolutionäre Qualitäten entwickelten und die herrschende Elite absetzten. Mit dem Beschwören eines „sozialen Mythos“ hat dies nichts zu tun, vielmehr geht es darum, den Terror der Ökonomie zu brechen. Gerade in einer Zeit in der die sogenannten Konservativen Loblieder auf die „freie Marktwirtschaft“ anstimmen und die Religionen von den Staatshumanisten „gleichberechtigt anerkannt“ werden, wenn sie zur bloßen Stütze der bürgerlich-kapitalistischen Moral herunterkommen und ihre sozialen Tätigkeiten den Sozialstaat entlasten, ist es um so wichtiger, die sozialrevolutionäre Dimension der traditionalen Weltanschauung zu betonen, die mit den kapitalistischen Denkformen nichts zu schaffen hat.

Es kann keine Beteiligung an dem bürgerlichen Denken geben. Natürlich muß jeder sehen, wie er sich (und seine Familie) im totalitären Kapitalismus über Wasser hält. Was aber von jedem Mitstreiter verlangt werden kann und muß, ist, die Konkurrenzgesellschaft in sich zu überwinden. Im Raido heißt es sehr treffend: „Wir müssen jede Manie ablegen, sich als Täter oder Held zu sehen.“ Und Corneliu Codreanu betonte: „Was immer getan wird, wird nicht aus Interesse getan, nicht auf Befehl, nicht aus Pflicht, sondern nur aus Liebe.“

Erst wenn wir den Bürger in uns niedergerungen haben, ist an eine Überwindung des bürgerlich-kapitalistischen Systems und der allgemeinen Diesseitsvergötzung zu denken. Mit dem Dienstpersonal des Kapitalismus kann man nur einen anderen Kapitalismus schaffen. Die geistige Revolution in uns hat Vorrang gegenüber einer im Grunde zwecklosen Rezeptmacherei. Wie ein nichtkapitalistisches Wirtschaften en detail aussehen kann, ist zudem abhängig von den konkreten Bedingungen nach einer möglichen Revolution, und diese ist heute (noch) nicht in Sicht. Von einer Überwindung des Kapitalismus kann jedenfalls erst dann gesprochen werden, wenn das Konkurrenzsystem sowie der Zwang, alle gesellschaftlichen Bereiche technologisch und organisatorisch durchzurationalisieren, beseitigt sind; wenn die Ertragswirtschaft also wieder in eine echte Bedarfswirtschaft umgewandelt ist. Das Diskreditieren jeder Form von Planwirtschaft durch den Hinweis auf das „Scheitern“ der der Verwertungslogik unterworfenen Hebelwirtschaft des Realsozialismus sollte den Kapitalideologen überlassen bleiben. Selbstverständlich soll derjenige, der mehr leistet und Verantwortung trägt, grundsätzlich auch mehr erhalten. Weder die „unsichtbare Hand“ des kapitalistisches Marktes noch pseudowissenschaftliche Berechnungen zur Quantifizierung der einzelnen Leistung dürfen jedoch die Verteilung bestimmen, vielmehr hat die bewußte Wertschätzung und der lebensnotwendige Bedarf den Ausschlag zu geben. Wer dies als einen Angriff auf seine „Freiheit“ auffaßt, ist — ganz objektiv betrachtet — ein Bürger.