Niall Ferguson: Wenn Biden siegt, droht der dritte Weltkrieg

31.10.2020

Der britische Historiker Niall Ferguson ist nicht nur ein brillanter Geschichtswissenschaftler. Er besticht auch immer wieder mit punktgenauen Prognosen, was das aktuelle Zeitgeschehen angeht. So sagte er den Fall der Mauer 1989 ebenso voraus wie die Finanzkrise am Ende des vorletzten Jahrzehnts.

Ende August hat sich Ferguson zur bevorstehenden US-Präsidentenwahl in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) geäußert – und dabei mit Nachdruck vor einem Sieg des demokratischen Kandidaten Joe Biden gewarnt. Fergusons Einschätzung zufolge würde die Gefahr eines großen Krieges oder gar eines Weltkrieges im Falle eines Sieges von Joe Biden erheblich steigen.

Der in Oxford lehrende Historiker vertrat in der NZZ die These, daß sich die Welt schon längst in einem „Zweiten Kalten Krieg“ befinde, der zwischen dem Westen und der Volksrepublik China ausgetragen werde. Mit Blick auf die anstehende Präsidentschaftswahl stellte er fest: „Wenn es einen gibt, bei dem ich mir leicht vorstellen kann, daß er ‒ natürlich unabsichtlich und mit den besten Absichten und der erbaulichsten Rhetorik ‒ den zweiten Kalten Krieg in den dritten Weltkrieg verwandelt, dann ist es der selbstgesalbte Erbe von Roosevelt, nämlich Joseph Robinette Biden.“

Seine Auffassung begründet Ferguson mit den historischen Erfahrungen der letzten 120 Jahre, in denen es meist der Hypermoralismus demokratischer Präsidenten war, der die Welt in neue Kriege führte – hier ist unter anderem an Woodrow Wilson, Franklin D. Roosevelt, Harry S. Truman und Lyndon B. Johnson zu erinnern. Zum Auslöser eines Großkrieges, so Ferguson, könnte der Taiwan-Konflikt werden.

Mit Blick auf den amtierenden Präsidenten stellte der britische Historiker – im Gegensatz zum Großteil der bundesdeutschen Mainstream-Medien – hingegen fest: „Doch ungeachtet all seiner vielen Fehler hat Trump eine große republikanische Tradition hochgehalten ‒ keine Kriege im Ausland zu beginnen. Die Ausnahme zur Regel der republikanischen Tauben-Ideologie während des letzten Jahrhunderts war natürlich George W. Bush. Alle anderen ‒ Harding, Coolidge, Hoover, Eisenhower, Nixon und Reagan ‒ waren bemerkenswert wegen der geringen Zahl junger Amerikaner, die sie in die Schlacht schickten: bei weitem weniger als ihre demokratischen Kollegen.“

Ferguson legte jetzt in einem Interview der „Welt“ nach und bekräftigte seine Einschätzung. Wörtlich: „Ich habe ein Jahrhundert US-amerikanische Geschichte genau studiert, und wann immer demokratische Präsidenten eine wirklich wichtige innenpolitische Agenda vor sich hatten, als sie gewählt wurden, verwickelten sie sich anschließend in große Kriege. Genau das passierte mit Woodrow Wilson, Franklin D. Roosevelt, Harry Truman, John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson. (…) Es könnte sich ein Szenario entwickeln, in dem die Regierung Biden an die Macht kommt, zu allen möglichen Ausgaben für soziale Dienste, Bildung, zu Steuererhöhungen und dem Üblichen bereit ist und dann mit einer Taiwankrise konfrontiert wird. Ich glaube, daß China dieses Thema irgendwann forcieren wird.“