"Für ein volksnahes Christentum"

20.02.2019

Herr Professor Dirsch, bei „rechten Christen“ denkt man unweigerlich an die unzähligen Reportagen und Schmäh­berichte des deutschen Fernsehens über amerikanische evangelikale Trump-­Unterstützer, Typen mit Baseballkap­pen, US-Fahne und Bibel – oftmals auch mit merkwürdigen Ansichten. Wer sind die „rechten Christen“ bei uns in Deutschland?

Dirsch: Aufs Ganze gesehen eine dünn gesäte Spezies. Es sind Leute, die sich mehrheitlich im protestantisch-evange­likalen Milieu engagieren, etwa im Um­kreis der Zeitschrift Idea oder in rechts­katholischen Zirkeln wie im Umfeld des Instituts für Gesellschaftspolitik in Bonn. Diese Einrichtung gibt vor allem die Zeitschrift Die Neue Ordnung her­aus. Sie wird von einem konservativen Dominikaner, Wolfgang Ockenfels, re­digiert. Er ist in der Erasmus-Stiftung der AfD tätig und wird deshalb auch von Teilen des eigenen Ordens attac­kiert. Seit einiger Zeit gibt es auch eine Gruppierung mit Namen „Christen in der AfD“, die Konservative beider Kon­fessionen umfaßt. Es sind also Christen, die in den institutionellen Kirchen eher am Rand stehen. Etliche bekommen in ihren Heimatgemeinden mitunter Pro­bleme, so der Sprecher der Christen in der AfD-Bundestagsfraktion, Volker Münz. Zu betonen ist aber, daß es im eigentlichen theologischen Sinn ein rechtes wie linkes Christentum nicht geben kann. Der Christ ist zentral auf Christus, den Herrn, ausgerichtet. Se­kundär jedoch existieren natürlich rechte wie linke Deutungen des Chri­stentums. Sie führen bis in die früheste Zeit der Urkirche zurück, zeigen sich aber auch in neueren Debatten.

Sind rechte Christen eher katholisch oder evangelisch?

Dirsch: Wie ich oben bereits erwähnt habe, gibt es Christen in beiden Konfes­sionen, die man als „rechts“ bezeichnen könnte. Ich halte es aus Gründen be­grifflicher Klarheit für wichtig, die Be­zeichnung „rechts“ in ihrer doppelten Bedeutung herauszuarbeiten. Wir ha­ben ja, der staatlichen Propaganda ge­schuldet, immer die demagogische Gleichsetzung „rechts“ gleich „rechts­extrem“ oder gar „neofaschistisch“ im Hinterkopf. In unserem Buch ist aber „rechts“ im Sinne von „recht“ und „richtig“ gemeint. Im christlichen Glaubensbekenntnis heißt es: „Er sitzt zur Rechten des allmächtigen Vaters.“ „Rechte Christen“ sind darüber hinaus solche, die bestimmte politisch rechte Forderungen bevorzugen. Zu nennen ist unter anderem der Widerspruch ­gegen die Vorstellung, die christliche Nächstenliebe habe zur Konsequenz, die unkontrollierte Masseneinwan­derung zu befürworten. Die amtierende Bun­deskanzlerin begründet bekanntlich die „Grenzöffnung“ gern mit dem Hinweis auf humanitär-christliche Überzeugung. Das sieht ein rechter Christ anders – schon aufgrund der dadurch bewirkten Schädigung des Gemeinwohles.

Linke behaupten gerne, Christus sei be­reits ein Sozialist gewesen. Stimmt das?

Dirsch: Wenn man darunter den frei­willigen Verzicht auf Eigentum um des Himmelreiches willen versteht, dann gibt diese Behauptung einen Sinn. Ins­gesamt aber verstanden sich Sozialisten mehrheitlich als rein weltliche Grup­pierung. Die Endziele einer besseren Gesellschaft waren meist rein profaner Natur. Mit Ausnahme einiger Außen­seiter erklärten Sozialisten Religion ­üblicherweise mehr oder weniger zur Privat­sache.

Was macht einen „rechten Christen“ überhaupt aus?

Dirsch: Das ist im Detail natürlich viel­fältig. Im Sammelband Rechtes Chri­stentum? versuchen die Autoren, ver­schiedene inhaltliche Bestimmungen herauszuarbeiten. Nehmen wir einen Bereich der Rechts-links-Unterschei­dung als Beispiel, um ihn etwas genauer zu erklären. Inhaltlich wichtig ist der Vorrang eines heimat- und volksnahen Christentums gegenüber der linksglobalistischen Agenda, die leider auch im Vatikan Anhänger findet. Einige Bei­spiele für patriotisch eingefärbtes Chri­stentum. Der von mir geschätzte Papst Pius XII., in der Öffentlichkeit stark verleumdet, trotz seiner Errettung Tau­sender von Juden während des Zweiten Weltkrieges, brachte es auf den Punkt: Vor einer deutschen Delegation sprach er von dem „harmonischen Dreiklang von Heimatliebe, Vaterlandsliebe und Liebe zur Kirche“. Der berühmte ­NS-Gegner Bischof von Galen, bekannt geworden vornehmlich durch seine ­Anti-Euthanasie-Predigten, sagte einem amerikanischen Offizier in der unmit­telbaren Nachkriegszeit: „Ich leide sehr an dem Zustand meines Volkes.“ Blic­ken wir nur nach Osteuropa, wo das Christentum die nationale Geschichte stärker prägte als in Deutschland. Vor genau 20 Jahren stellte der polnische Patriot und Papst Johannes Paul II. über den Wehrdienst fest: „Für einen Chri­sten bleibt der Dienst für das irdische Vaterland – ähnlich der Liebe zur eige­nen Familie – Pflicht.“ Die polnische Bischofskonferenz hat 2017 heraus­gestellt: „Der Patriotismus ist eine Ver­pflichtung und verbindet uns mit dem vierten Gebot.“ Allerdings gibt es natür­lich auch diverse andere Deutungen des Christentums in der Gegenwartsdebat­te, etwa linksglobalistische Deutungen. Der erste Mann im Vatikan nach Papst Franziskus, der von mir durchaus ge­schätzte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, der gegen die „Ehe für alle“ deutliche Worte gefunden hat, erklärte Migration einfach zum Menschenrecht. Er fuhr nach Marrakesch, um den so ge­fährlichen, ambivalenten UN-Migra­tionspakt für den Heiligen Stuhl zu un­terzeichnen. Jeder weiß, daß die kon­krete Umsetzung der angeblich unver­bindlichen Verpflichtungen eine weitere Islamisierung zur Folge hat.
Früher machten sich Konservative gerne über die Evangelischen Kirchentage ­lustig, die seit Jahrzehnten bereits eher wie linksgrüne Rummelplätze daher­kommen. Heute findet man bei den ­Katholiken oftmals das gleiche Bild. Vor dem Kölner Dom wurde beispielsweise ein „Flüchtlingsboot“ als Altar genutzt. Wo gibt es da überhaupt einen Platz für „rechte Christen“?
Dirsch: Rechte Christen müssen sich unter die Kritiker einreihen. Das Kölner Schauspiel habe ich natürlich ab­gelehnt, nicht nur aus politischen, sondern auch aus theologischen Gründen. Der Altar symbolisiert Christus als den „ewigen Stein“. Wer hat in dem Flüchtlingsboot gesessen? Man weiß es nicht. Es könn­ten darin auch Schlepper, Menschen­händler, illegale Migranten und andere Personengruppen transportiert worden sein. Jedenfalls liegt die Gefahr der Pro­fanisierung in diesem Punkt nahe. Auch wenn ich dogmatisch mit dem Kölner Erzbischof Kardinal Woelki überein­stimme – auch in ethischen Fragen wie der Bewertung von Abtreibung –, stehe ich etlichen Aussagen über „Rechts­populismus“ und Migra­tion ablehnend gegenüber. Hier läßt er – und mancher Kollege – sich zu sehr von der Linken vor deren Karren spannen.

Warum positionieren sich vor allem die beiden Amtskirchen in Deutschland links bis linksliberal?

Dirsch: Es ist natürlich immer beque­mer, im Hauptstrom mitzuschwimmen. Ein weiterer Grund liegt natürlich in der institutionellen Verquickung als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Diese juristische Stellung der Kirchen befürworte ich prinzipiell. Aber sie bringt natürlich auch Nachteile mit sich. Inhaltlich meinen Theologen und Kirchenführer gerne, eine weltlich-linke Menschlichkeitsdoktrin, die alle huma­ne Wesen als gleich im Sinne der Men­schenwürde betrachtet, sei identisch mit der von Christen geforderten Näch­stenliebe. Ich selbst bekenne mich gerne zum Artikel 1 des Grundgesetzes. Es kommt jedoch primär darauf an, diesen inhaltlich zu bestimmen. Vor einigen Jahren hat das Bundesverfassungs­gericht aus der Menschenwürdegaran­tie den Anspruch von Asylbewerbern auf den Hartz-IV-Satz abgeleitet. Mit Recht haben Juristen, so Josef Isensee, diese Folgerung als Scheck und Ein­trittskarte in den Sozialstaat gewertet. Längst gibt es überall im Staatsrecht wie in der publizistischen Kontroverse den Trend, die Menschenwürdegarantie zu inflationieren und damit abzuwerten. Aus Sicht der katholischen Lehre ist dazu zu sagen: Große Kirchenlehrer wie ­Augustinus und der Heilige Thomas konkretisierten die Notwendigkeit einer abgestuften Pflicht des Liebesgebotes: „Ich antworte, der Mensch werde je nach den erhaltenen Wohltaten in verschie­dener Weise gegenüber den anderen ein Schuldner und ebenso je nach dem Vor­range dieser anderen: Nach beiden Sei­ten steht Gott zuvörderst an der Spitze; denn Er ist die höchste Vollendung und das erste Prinzip unseres Seins und Tuns. In zweiter Linie kommen dann die El­tern und das Vaterland, von denen wir erzeugt und genährt sind worden. Also nach Gott ist der Mensch am meisten Schuldner den Eltern und dem Vaterlan­de…“ So heißt es an einer Stelle von Tho­mas’ Hauptwerk Summe der Theologie. Es soll hier unterstrichen werden, daß das Neue Testament eine Reihe grund­legender universalistischer Forderun­gen kennt, etwa den Taufbefehl oder die Pflicht zur Hilfe im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Doch diese Postulate richten sich an den einzelnen Christen und sind personalisierte Dien­ste. Sie sind nicht eins zu eins in die ­Politik umzusetzen. Die gesetzlich fest­gelegten staatlichen Aufgaben sind ohne­hin von anderer Art. Dazu zählt der Grenzschutz. Die Pflicht des Christen zur Nächstenliebe ist unstrittig. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Wo ist diese Hilfe am effizientesten? Hier fordert die katholische Soziallehre eine Analyse der Wirklichkeit. Konkret auf unser Beispiel angewandt, heißt das: Auf deutschen Sozialämtern ist die Wirksamkeit der finanziellen Mittel we­sentlich geringer als an den Orten, an denen mehr Hilfe direkt geleistet wer­den müßte. Dort können unter Um­ständen die Investitionen zehnmal mehr bewirken als ein bestimmter Geldbetrag hierzulande.

Eine der Hauptaufgaben der Kirchen ist die Seelsorge. Leidet diese unter der zu­nehmenden Politisierung?

Dirsch: In toto dürfte das so sein, je nach Ort und jeweiligem kirchlichen Personal jedoch unterschiedlich. Natür­lich gibt es insgesamt eine starke Ver­weltlichung, einen Verlust an kirch­lichen Bindungen sowie eine Krise der Tradierung des Glaubensgutes. Damit nenne ich nur einige Stichworte. Es ist aber fraglich, ob diese Negativentwick­lungen ausgeglichen werden können durch ein steigendes humanistisches Engagement, bei dem der spezifische Glaube außen vor bleibt. Dieser Trend hängt wohl damit zusammen, daß auch kirchliche Amtsträger unter einem ten­denziellen Glaubensverlust leiden. Ge­rade die evangelische Kirche versteht sich immer mehr als „Zivilreligion der politischen Korrektheit“. Dieser morali­stische Grundzug läßt sich bis auf Mar­tin Luther und dessen Vorstellungen zur Innerlichkeit zurückführen, wie die kürzlich erschienene Monographie Im Moralapostolat von Horst G. Herrmann vielfach belegt. Leider folgt auch die ka­tholische Kirche dieser Grundrichtung, obwohl ihre traditionelle naturrecht­liche Ausrichtung Religion und Politik stärker differenziert, als es im Protestan­tismus üblich ist. Leider ist in der politi­schen Praxis oft kein Unterschied zu bemerken. Lächerlicher katholischer Polit-Aktivismus ist hier und da un­übersehbar.

Eine christliche Kirche, die bislang völlig immun gegen linksideologische Beein­flussung zu sein scheint, ist die Ortho­doxie. Sind das „rechte Christen“?

Dirsch: Diese Bezeichnung scheint mir nicht ganz passend zu sein. Ich kenne aber die orthodoxe Tradition leider zuwenig. Der Einsatz der Orthodoxie ist – je nach Region – sehr unterschiedlich zu bewerten. In Ländern wie Rußland kam es nach den Ereignissen von 1989/90 zu einer Renaissance der alten Nähe von Kirche und Staat. Das könnte durchaus zu Problemen führen. Gefah­ren der Instrumentalisierung liegen auf der Hand. Immerhin kenne ich keine amtliche Stellungnahme, die den Un­sinn von Gender-Mainstreaming, Ho­mo-Ehe und Abtreibung, die eindeutige Verstöße gegen Gottes Gebote darstel­len, für gut befindet. Aber leider kann ich nichts Genaueres darüber sagen. Es ist aber sicher kein schlechtes Zeichen, wenn scham- und sittenlose Femini­stinnen mit ihrem peinlich-abartigen Politikum in orthodoxen Kirchen pro­vozieren. Bei aller Widerwärtigkeit sind die Frontlinien immerhin klar. Es freut mich auch immer zu sehen, daß weite Teile des armenischen Christen­tums noch traditionsbewußter, fröm­mer und kirchenverbundener sind, als man sich das hierzulande überhaupt vorstellen kann.

Ein paar linke christliche Mythen: „Ma­ria und Josef waren die ersten Asylan­ten.“ Das hörte man vor allem in Pre­digten in den Christmetten…

Dirsch: Die von Ihnen erwähnte Deu­tung ist als Polit-Instrumentalisierung einzustufen. Josef und Maria flohen mit dem Jesuskind nach Ägypten, bis der blutrünstige Herodes gestorben war. Dann kehrten sie mit Jesus in die Hei­mat zurück. So die Überlieferung in den Kindheitserzählungen. Flucht und Vertreibung gab es in der Bibel schon weit früher im älteren Teil. Das Recht auf Asyl hat ja ursprünglich starke re­ligiöse Bezüge und spielt in der Ge­schichte Israels eine wichtige Rolle. Die­ses Recht befürworte ich ohne Wenn und Aber, wie ich die mißbräuchliche Inanspruchnahme ablehne. Genau dar­in besteht aber das Problem.

Oder: „St. Nikolaus war Türke, er war ja Bischof in Kleinasien.“

Dirsch: Wer solche Plattheiten hinaus­posaunt, offenbart das Ziel, die Überlie­ferung für politische Zwecke umzubie­gen. Jeder dürfte wissen, daß die da­maligen Bewohner von Myra wenig mit den heutigen zu tun haben. Diese ­Erkenntnis ist nicht nur bezüglich der ­religiösen Hintergründe offensichtlich. Diejenigen, die auf solche Verbindungs­linien anspielen, dürften derartige Kon­tinuitäten weit von sich weisen, wenn es darum geht, die Germanen als unsere Vorfahren zu identifizieren. Die Her­stellung solcher Kontinuitäten ist in der Tat nicht unproblematisch. Gern pro­jiziert man unser heutiges Verständnis, etwa von einem spezifischen Volk, auf damals. Aber das ist ein anderes Thema. Vielmehr treibt mich in diesem Zusam­menhang um, daß das Evangelium bei entsprechenden Umstrukturierungen der Bevölkerung wieder verschwinden kann. Diese Entwicklungen lassen sich auf dem Territorium der heutigen Tür­kei ebenso wie in Nordafrika erkennen. Dem früheren Papst Benedikt XVI. sind sie durchaus bewußt, wenn er in dem Interview-Band Letzte Gespräche sei­nen Gesprächspartner wissen läßt: „Wie Europa sich entwickeln wird, wie weit es noch Europa sein wird, wenn andere Bevölkerungsschichten es neu strukturieren, wissen wir nicht […]. Das Wort des Evangeliums kann natür­lich aus Kontinenten verschwinden. Wir sehen ja, die christlichen Kontinen­te des Anfangs, Kleinasien und Nord­afrika, sind nicht mehr christlich. Es kann auch in Räumen verschwinden, wo es groß war.“ Jedem, der die aktuel­len Diskussionen verfolgt, kommt bei diesen Worten der Begriff „Bevölke­rungsaustausch“ in den Sinn. Es han­delt sich dabei um ein langfristiges Un­ternehmen. Der Weihbischof von Asta­na in Kasachstan, Athanasius Schneider, äußerte sich dazu klarer als seine Amts­brüder, wenn er in einem Interview mit der italienischen Zeitung Il Giornale ­bekundete: „Das Phänomen der so­genannten ‚Einwanderung‘ ist ein ge­lenkter und von den internationalen Mächten seit langem vorbereiteter Plan, um die christliche und nationale Iden­tität der europäischen Völker zu ver­ändern. Diese Mächte benutzen das enorme moralische Potential der Kirche und ihre Strukturen, um ihr anti-christ­liches und anti-europäisches Ziel noch effizienter zu erreichen. Zu diesem Zweck werden das wahre Verständnis von Humanität und sogar das christ­liche Gebot der Nächstenliebe mißbraucht.“ Der Prager Kardinal Dominik Duka warnte vor Verharmlosung der Masseneinwanderung und ihrer Folgen: „Die Erfahrung und die aktuelle Situa­tion der Einwanderung in die Länder Westeuropas sind eine Warnung. Die perspektivlose Migration kann den Zer­fall der ganzen Gesellschaft zur Folge haben.“ Mir kommt es darauf an dar­zulegen, daß es auch Glaubensvertreter gibt, die abseits des Hauptstromes wan­deln. Diese halte ich für authentisch.

Der Präsident des Evangelischen Kir­chentages, Hans Leyendecker, hält die Ausgrenzung der AfD für notwendig, das heißt, ihre Politiker sind beim Kir­chentag nicht willkommen. Scheut man sich da vor einer öffentlichen Ausein­andersetzung mit der größten deutschen Oppositionspartei?

Dirsch: Ganz gewiß scheut sich das Establishment beider Kirchen vor einer Auseinandersetzung. Es fehlt nicht nur dort an Courage. Gewiß ist die AfD ­keine christliche Partei, sondern eine Gruppierung, die in erster Linie deut­sche Interessen vertreten will. Immer­hin verfolgt die AfD Ziele, die mit klas­sisch-christlichen Forderungen Schnitt­mengen aufweisen. Dazu zählt die Ab­lehnung von Gender-Mainstreaming, „Ehe für alle“, Abtreibung sowie der Is­lamisierung.

Was glauben Sie: Werden sich die gro­ßen Amtskirchen langfristig wieder ent­politisieren, oder werden immer mehr Christen statt dessen eine Alternative suchen und finden?

Dirsch: Vermutlich wird die Tendenz weiterhin dominant sein, Verluste infol­ge der Verweltlichung durch linkssozia­listisches sowie linksliberales Engage­ment und die Beteiligung am „Kampf gegen rechts“ auszugleichen. Daß das die Abwärtsspirale stoppt, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Allerdings hat hier niemand ein Patentrezept. Zumin­dest in einzelnen Zirkeln, so hoffe ich, wird rechter Glaube und das authenti­sche Zeugnis für den Herrn weiterhin sichtbar sein. Aber solche Aktivitäten berühren eher kleine Kreise als unüber­schaubar große.

Herr Professor Dirsch, vielen Dank für das Gespräch.

Hier geht es zum Buch "Rechtes Christentum" von Felix Dirsch