Frankreich: Geschichtspolitischer Streit um die Rolle Napoleons

09.05.2021

Frankreich ist auch nicht mehr das, was es einmal war – auch links des Rheins hält unter Präsident Macron die Diffamierung der eigenen Geschichte Einzug. Aus Anlaß des 200.Todestags Napoleons am 5. Mai hat Macron den früheren Kaiser jetzt zwar als großen Staatsmann bezeichnet, verwies aber auch auf die Millionen von Toten bei seinen Feldzügen. „Napoleon hat sich bei seinen Eroberungen nie um menschliche Verluste gekümmert“, sagte Macron am Mittwoch in einer Gedenkrede in Paris. Heute hingegen stelle die Politik „das menschliche Leben über alles“, glaubte Macron unter Verweis auf Corona betonen zu müssen.

Auch die Wiedereinführung der Sklaverei in Frankreich unter Napoleon sei dagegen ein „Fehler“ und ein „Verrat am Geist der Aufklärung“ gewesen, sagte der Präsident, der nach seiner Rede gleichwohl einen Kranz an Napoleons Grabmal im Pariser Invalidendom niederlegte.

Französischen Patrioten stieß diese Sicht auf den großen Korsen sauer auf. Marine Le Pen, Vorsitzende des Rassemblement National (früher Front National) rühmte Napoleon im Gegensatz zu Macron als „unsterblich gewordene französische Legende“. Alle Versuche, seine Verdienste nachträglich zu schmälern, kämen „ethischen Waterloos“ gleich, sagte sie in einem Video, das sie in Online-Netzwerken teilte.

Aber auch französische Linke sind mit Macrons Rede nicht einverstanden. Der Chef der Linkspartei La France Insoumise (Das unbeugsame Frankreich) kritisierte auf Twitter die Unterdrückung von Sklaven und Frauen zur Zeit Napoleons. In dessen Zivilgesetzbuch seien „Frauen der Herrschaft der Männer unterstellt“, betonte Jean-Luc Mélenchon.