Die existenzielle Botschaft von Weihnachten

26.12.2016

Als Marxist-Leninist ist meine Sicht auf Weihnachten gegenüber Menschen mit anderen spirituellen Werten unvoreingenommen. Ich denke, dass spirituelle Werte in Bezug auf Weihnachten eine Privatangelegenheit sind.

Ich bin der Meinung, dass die katholische und die russisch-orthodoxe Kirche eine Menge gemeinsam haben, wenn es um das Feiern von Weihnachten geht. Und der Grund warum ich so denke, ist, weil für beide Kirchen eine unbedingte Notwendigkeit darin besteht, so nahe wie möglich zu den Massen zu kommen, wo auch immer sie auf der Welt seien mögen. Und man muss ihnen dafür Dank zollen, denn das „Opium“, darunter verstehe ich jede Religion, welche ein Volk übernimmt, hat etwas mit dessen besonderer Kultur, seinem je einzelnen menschlichen Leiden und der Sorge um der Welt in der wir leben zu tun.

Darüber hinaus denke ich auch, dass es eine gute Idee war, als Stalin nach 1945 Weihnachten in Russland wieder zuließ, als Fest mit starkem Bezug zu Neujahr. Bis zum heutigen Tag hat dies eine Auswirkung darauf, wie man im modernen Russland Weihnachten feiert.

In Amerika sind wir ein Nationalstaat, der im Konsum wurzelt ist, nicht in der Kultur. Wenn wir Weihnachten feiern, dann handelt es sich weniger um einen kulturell verwurzelten Feiertag, als um ein Konsumfest.

Der russische Weihnachtfeiertag ist etwas komplexer als in Amerika. Wenn wir einen Blick auf die Geschichte der Sowjetunion werfen, dann waren Weihnachtsfeiern vor allem etwas, dass sich hinter geschlossen Türen fern der Öffentlichkeit abgespielt haben, insbesondere dann wenn der Glaube sich gegen den sowjetischen Lebensstil gewandt hat. Jedoch waren diese religiösen Feiern auch immer etwas dissidentes und damit auf ihre eigene Art wahrhaftiger, egal ob wir als marxistische Denker und Kommunisten damit einverstanden sind oder nicht.

Für mich als Atheisten hat Weihnachten einen Wert, den man in den geistigen Verzweigungen des Menschlichen findet.

Wenn ich über Weihnachten nachdenke, denke ich über die Relativität von Weihnachten. Du kannst dich in einem Keller in Aleppo aufhalten mit nicht viel mehr als einem Stück Brot und Wasser oder vielleicht wenn du glücklich bist einem Essenspaket von der Russischen Armee. Du kannst als amerikanischer Soldat verwundet in Afghanistan liegen und überleben, darüber glücklich sein – dann ist das für dich Weihnachten.

Wie sollen wir Weihnachten feiern? Weihnachten zu feiern besteht einerseits darin, die raue Realität des Lebens zu akzeptieren, aber auch darin Momente des Glücks in den einfachsten Umständen zu empfinden. Ich erinnere mich daran, dass ich glücklich war, als ich Junggeselle und in der Armee war, wenn ich ein Buch und eine Tasse Kaffee in meiner kleinen Wohnung hatte und ich dazu in der Lage war bei Fort Carson in einen Schneesturm zu rennen und am Weihnachtsabend die Kälte in meinem Gesicht zu spüren. Die Isolation unter ernsthaften psychologischen und physischen Bedingungen, der ich über lange Zeit in meinem Leben ausgesetzt war, auch während den Weihnachtsfeiertagen, hat mir Disziplin beigebracht und mich für harte Zeiten vorbereitet.

Wir geben unserer eigenen Existenz dadurch Bedeutung, und hier richte ich mich an Sartre aus, indem man seinem Privat-, aber auch dem Geistigen Leben und menschlichen Handlungen einen Wert zumisst. Deine Worte haben keine Bedeutung, wenn du keine Handlungen zur Sicherung deiner Existenz ergreifst. Das ist die dauernde Existenzkrise im Leben, welche der Existenz einen Sinn gibt, die solange keinen hat, bis wir ihr einen geben. In der Geschichte haben auch Ereignisse wie Weihnachten keine Bedeutung an sich, bis zu dem Punkt an dem die Menschheit durch Gemeinschaft, Kampf gegen Unterdrückung und Tod ihnen eine Bedeutung zuweist. Tag ein Tag aus, als wäre es eine Beziehung, eine Heirat, eine Liebesaffäre oder eine Freundschaft, musst du diese Beziehung durch deinen totalen Einsatz bestimmen. Was heißt das? Beharrliches Handeln, ansonsten hat das Leben keinen Wert. Weil sich die Existenz aus meiner Sicht in einem Raum des Nichts befindet. Es gibt die biologische Tatsache der Existenz und kein Wissenschaftler in der Geschichte der Menschheit war bis jetzt dazu in der Lage herauszufinden wie die Existenz begann und wie sie enden wird.

In der Unmittelbarkeit zwischen dir und mir während diesen Weihnachtsferien können wir uns nur dadurch in Beziehung zu Weihnachten setzen, indem wir direkt miteinander über uns und unsere Ziele sprechen Anastasia. Auf diese Art und Weise macht die Weihnachtszeit Sinn. Ihr Sinn ist es nicht Geschenke auszutauschen und auch nicht zur Messe zu gehen. Ich persönlich gehe zur Mitternachtsmesse um wunderschöne Weihnachtsgesänge zu hören, ganz konkret französische Gesänge. Daher beobachte ich als Intellektueller Weihnachten mit einem Gefühl der Versöhnung mit meinen Freunden und ich versuche auch meine Feinde während der Weihnachtstage zu verstehen. In anderen Worten handelt es sich bei diesen Feiertagen um eine Zusammenschau von Leben und Tod, weil ich in meinem Alter jederzeit sterben könnte, obwohl ich mir bewusst bin, dass auch ein junger Mensch jederzeit sterben könnte, einfach weil das Schicksal für jeden neugeborenen Menschen unvorhersehbar ist. Darum stelle ich mir folgende Frage: Wohin gehe ich und warum bin ich hier?

Für mich ist der Sieg der Syrischen Arabischen Armee und ihrer Alliierten, einschließlich der Russischen Armee, ein Weihnachtsgeschenk und das einzige Geschenk, dass ich will. Warum? Weil ich mir wünsche, dass das syrische Volk wieder seine Würde zurückgewinnt, dass in Einklang mit den historischen Werten seiner Kultur und der syrischen Geschichte leben kann. Das ist für mich Weihnachten, mehr brauche ich nicht. Ich bin frei.

Luis Lázaro Tijerina im Interview mit Anastasia Zhukova, Weihnachten 2016