Wo deutsche Luftwaffe an US-Atomwaffen trainiert wird

29.04.2015

Der Fliegerhorst Büchel ist der einzige Standort in Deutschland, an dem Atomwaffen gelagert sind. Die deutsche Luftwaffe bildet hier – im Rahmen der NATO -Vereinbarung über nuklearen Teilhabe – Jagdbomberpiloten für den Einsatz mit diesen Massenvernichtungswaffen aus. Büchel ist eine Ortsgemeinde im Landkreis Cochem-Zeil, zugehörig zur Verbandsgemeinde Ulmen, 450 m hoch gelegen, mit knapp 1200 Einwohnern (85 Prozent katholisch). Der Fliegerhorst befindet sich westlich der Gemeinde, wurde nach dem II. Weltkrieg von der französischen Besatzungsarmee gegründet und 1955 dem Bund übergeben; Mitte 1957 rückten die ersten 140 Soldaten aus der Schule der Luftwaffe 30 ein; noch im gleichen Jahr wurden die Luftfahrzeuge etappenweise überführt. Im Spätsommer 1962 trafen die ersten Starfighter in Büchel ein. Die Umstellung auf das aktuelle Luftfahrzeugmuster Tornado fand 1985 statt. Es existiert eine 2500 m und 45 m breite Start- und Landebahn aus Asphalt.

In den Bunkern des Standorts Büchel werden wahrscheinlich 20 US-Atomwaffen des Typs B61 aufbewahrt; die Kapazitäten reichen für die Lagerung von 44 Atomwaffen. Dieser Bombentyp hat eine maximale Sprengkraft von 340 Kilotonnen TNT, das entspricht etwa dem 26fachen der Hiroshima-Bombe. Dem Vernehmen nach wollen die USA bis 2013 etwa vier Milliarden Dollar aufwenden, um diese Atombombe B61 „sicherer“ zu machen.

Bisher handelt es sich um reine Abwurfbomben. Die neue Version soll ein Steuerungssystem erhalten. Kritiker sagen, damit würden sie zu präzisionsgesteuerten Fernwaffen umgebaut. Ob der Sicherheitsstandard dann verbessert ist, gilt als fraglich, da bei der zentralen Komponente, dem Sprengkopf, keine grundsätzliche Änderung stattfinden soll, so dass der „modernisierte“ Sprengkopf weiterhin nicht feuerresistent sein dürfte.

Nach einer internen Studie der United States Air Force entspricht das Atomwaffenlager in Büchel – wie auch eine Reihe anderer – nicht den minimalen Sicherheitsstandards des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Die Massenvernichtungswaffen seien unzureichend gegen Feuer geschützt. Bei einem Treibstoffbrand oder der Explosion eines Flugzeugs im Fliegerhost (im Januar 2014 zum Beispiel stürzte ein Tornado beim Anflug auf Büchel ab) könnten die Bomben detonieren, Plutonium aus dem Sprengkopf austreten und über eine große Fläche verteilt werden. Laut dem „Focus“-Magazin ist den US-Streitkräften diese Gefahr offenbar schon länger bekannt, weshalb die Atombomben kaum noch bewegt würden. Die Atomwaffen-Einheiten seien angehalten, die Waffen auch bei NATO-Manövern möglichst in den unterirdischen Stauräumen zu belassen.

Im Fliegerhorst Büchel befindet sich das taktische Luftwaffengeschwader 33, ein fliegender Kampfverband der deutschen Luftwaffe, ausgerüstet mit dem Waffensystem Panavia Tornado IDS. Ihr Auftrag lautet: Aufrechterhaltung der personellen und materiellen Einsatzbereitschaft im Krisen- und Verteidigungsfall. Dazu gehören Vorbereitungen für schnell verlegbare Reaktionskräfte, Personalabstellung für laufende Einsätze sowie Teilnahme an nationalen und NATO-Übungen. Die Tornados des europäischen Konsortiums Panavia wurden in den Jahren1973 bis 1999 gebaut, insgesamt knapp 1000 Stück (davon auch eine Reihe im Einsatz in Frankreich und Saudi Arabien). Es handelt sich um ein zweisitziges Mehrzweckkampfflugzeug mit Schwenkflügeln, dass als Jagdbomber, Abfangjäger und Aufklärungsflugzeug seinen Einsatz findet. Es erreicht laut Hestellerangaben eine maximale Geschwindigkeit von 2230 km/h und hat eine Reichweite von ca, 1300 km.

Bei der Bundeswehr in Büchel kommt die Grundversion des Tornado PA-200, Typ, IDS, als Jagdbomber, zum Einsatz, auch für infrarotgesteuerte Kurzstreckenflüge, mit Luft-Luft-Tankflugkörper. Später sollen restliche Fertigkeitslücken durch Kampfdrohnen geschlossen werden. Die Luftwaffe plant, bis 2025 mindestens 46 Tornados für die Aufgabe der nuklearen Teilhabe bereitzustellen. In Büchel befindet sich der einzige fliegende Verband der deutschen Luftwaffe, der im Rahmen der nuklearen Teilhabe Kräfte im Einsatz dieser Waffe ausbildet. Die Atomwaffen unterstehen jedoch der Kontrolle der US-amerikanischen Soldaten. Deshalb befinden sich einige Staffeln (139 Mann) der US Air Force Munitions Support Squadron (702 MUNSS) der 38. Munitions Maintenance Group (38 MUNG) im Bücheler Fliegerhorst. Diese US-Einheit ist verantwortlich für die Verwaltung, Bewachung, Wartung und Freigabe des Waffenvorrats der höchsten Sicherheitskategorie. Die deutsche Luftwaffe unterstützt die US-Einheit in dieser Sonderwaffenlagerstätte mit der 1. und 2. Luftwaffensicherungsstaffel „S“. Die Atomwaffen gehören also den US-Militärs, können im Ernstfall aber auch von Tornado-Kampfbombern der Bundeswehr abgeworfen werden.

Dem Vernehmen nach sollen insgesamt 1900 Soldaten dem Fliegerhorst Büchel zugeordnet sein. Zum fliegenden Kampfverband der deutschen Luftwaffe mit dem Waffensystem Panavia Tornado IDS, das taktische Luftwaffengeschwader 33, gehört die Fliegerkaserne Cochem-Brauhecke. Seit Anfang der sechziger Jahren wurde dieser Stadtteil Brauhecke von Cochem – Kreisstadt des Landkreises Cochem-Zeil mit 5200 Einwohnern an der Mosel – neu errichtet. Anfangs für Truppenunterkünfte der Jabo 63, seit1985 umgenutzt für Tornado.

Neben der fliegenden befindet sich hier auch eine technische Gruppe. Sie bildet u.a. Flugzeuggerätemechaniker aus sowie Elektromechaniker für Geräte und Systeme. Sie gilt als der größte Ausbildungsbetrieb des Landkreises Cochem-Zeil. Dieser Umstand und überhaupt das kommerzielle Gewicht des Fliegerhorstes für Wirtschaft und Gewerbe der umliegenden Ortschaften (Versorgung durch örtliche Bäcker und Metzger beispielsweise) führt dazu, dass kritische Berichte und Demonstrationen gegen den Fliegerhorst, der vor allem als wichtiger Arbeitgeber für Zivilbeschäftigte gilt, verpönt sind.

Der Fliegerhorst Büchel ist immer wieder Schauplatz von Aktionen der Friedensbewegung, bei denen das Ende der nuklearen Teilhabe in Deutschland gefordert wird: Die Bundesregierung solle nachdrücklich für die Unschädlichmachung der Atomwaffen. Also für deren Entsorgung intervenieren. Das Risiko einer möglichen Atombombenexplosion mitten in Deutschland wird für untragbar gehalten.

Beim Bundesverfassungsgericht liegt derzeit ein Prozess (Aktz. 2 BvR 1371/2013) gegen die Stationierung von Atomwaffen im Fliegerhorst Büchel. Der frühere Außenminister Guido Westerwelle hatte sich in seiner Amtszeit für einen Abzug der in Deutschland gelagerten Atomwaffen eingesetzt. Die Bundesregierung erklärte jedoch auch bei einem NATO-Gipfel ihre Zustimmung zur weiteren nuklearen Teilhabe. Wie aus Fachkreisen verlautet, sind die Atomwaffen im Fliegerhorst Büchel strategisch falsch positioniert, nicht zuletzt wegen der unzureichenden Reichweite der für den Transport in Frage kommenden Tornados, die – ohne in der Luft aufzutanken – ihr Atomwaffen nur über NATO-Gebiet – etwa Polen – abwerfen könnten. Deshalb haben sich osteuropäische Länder, insbesondere die baltischen Staaten, erboten, die Atomwaffen auf ihrem Territorium zu lagern, um von dort unverzüglich russisches Gebiet erreichen zu können…

Der Autor Helmut Sauter war Redakteur der “Heilbronner Stimme” und ist Mitglied beim Heilbronner Friedensrat.

Quelle: Compact Magazin