Portugiesischer China-Experte: „Neue Weltordnung chinesischer Prägung“

01.05.2019

Der Politikwissenschaftler und frühere portugiesische Europaminister Bruno Maçães hat in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) das chinesische Neue Seidenstraßen-Projekt als globales geopolitisches Gestaltungskonzept gewürdigt, das eine neue Weltordnung schaffe – eine Weltordnung chinesischer Prägung.

Auch für den Westen und seine Bedeutung werde das Seidenstraßen-Projekt Auswirkungen haben. Die westliche Hemisphäre müsse „auf Brüche und Veränderungen vorbereitet sein. Und darauf, dass wir in der Welt an Einfluss verlieren. Denn Belt and Road ist das Projekt Chinas, um seine Macht auszuweiten.“ Das Seidenstraßen-Projekt sei ein „chinesischer Plan, eine neue Weltordnung zu schaffen (…) ein Netzwerk der Macht, das auf wirtschaftlichen Verbindungen und wirtschaftlichem Druck basiert. Darum ist es nicht bloss eine Initiative, sondern eine neue politische und wirtschaftliche Weltordnung.“

Es sei auch völlig klar, daß sich das Seidenstraßen-Projekt letztlich gegen die amerikanische Weltdominanz richte. „Peking will bis Mitte dieses Jahrhunderts eine Welt, die von China und den USA als gleich starken Mächten geführt wird.“ Die Entwicklung ziele darauf ab, daß Europa stärker an China heranrücke, während die USA dazu tendierten, eine globale Insellage zu kultivieren. „Europa hingegen kann mit einer grösseren Abhängigkeit von China leben. Und es hofft, dass China im Gegenzug auch zu einem gewissen Grad abhängig von Europa ist. Denn Europa ist Teil des gleichen Superkontinents wie China: Eurasien.“

Andererseits sei China dabei, unfreiwillig die europäische Integration voranzutreiben, indem es als neue Supermacht am Horizont der Europäer in Erscheinung trete. Zudem verändere das erstarkende Reich der Mitte die ökonomischen Bedeutung und beeinflusse zudem selbst sensible Bereiche wie die bislang allesbeherrschende „Menschenrechts“-Doktrin der Europäer: „Europa hat erkannt, dass der Wettbewerb härter geworden ist und dass China in Bereiche eindringt, die bisher Europa vorbehalten waren. Vor allem für Deutschland war das ein unsanftes Erwachen. Auch zeigt sich, dass Peking die Politik in Europa verändert. Etwa wenn Länder wie Ungarn oder Griechenland in Menschenrechtsfragen die Position Chinas unterstützen, die klar von der europäischen abweicht. Das ist ein echter Schock. In letzter Zeit gab es mehrere solcher Schocks.“

Letztlich werde sich Europa mit China, aber auch mit der Energie-Supermacht Rußland jedoch arrangieren müssen. Europa dürfe „keinesfalls mit China brechen – auch wenn Amerika versuchen wird, uns dazu zu drängen“, rät Maçães, der sich in den letzten Jahren in mehreren Büchern mit dem Aufstieg Chinas beschäftigt hat und derzeit als Analyst in Peking lebt.