Geopolitische Vorschau 2017: Russland

10.01.2017

Zusammenfassung
Russland wird weiterhin sein „Haus aufräumen“ und unipolare Elemente im Land entweder in ihrer Funktion neutralisieren oder entfernen. Dies wird das Land dazu ermächtigen seine in mehrere Richtungen gehende Politik des geopolitischen Ausbalancierens weiterzuverfolgen. Schließlich wird dadurch seine Position als Kern der im Entstehen begriffenen Multipolaren Welt gestärkt werden.

Frühjahrsputz
2016 war ein großartiges Jahr für russische Patrioten. Denn Präsident Putin verstand diese zu begeistern, nachdem er den korrupten Wirtschaftsentwicklungsminister Ulyukaev Mitte November für die Annahme von Bestechungsgeldern festnahm. Ulyukaev ist unter russischen Patrioten eine persona non grata, weil er in ihren Augen Russland an den Neoliberalismus und die Unipolare Weltordnung verkauft hat. Daher wurde sein Fall von vielen Menschen gefeiert. Zwar besteht die russische Regierung darauf, dass die Entfernung Ulyuakaevs eine reine Antikorruptionsmaßnahme war und nicht mehr dahinter steckt, jedoch sah der bekannte Militäranalyst und Blogger The Saker schon früher voraus , dass Putin in diesem Jahr etwas gegen „Medwedews Verbündete“ oder besser die Verbündeten der Atlantiker unternehmen würde, welche als Sechste Kolonne im Interesse der USA handeln. on behalf of the US. The Saker aktualisierte seine Analyse nach der Inhaftierung Ulyukaevs und gab bekannt, dass Putin endlich Schritte unternommen habe um seine Vorhersage zu erfüllen und das damit verbundene weitere Maßnahmen in einer unbestimmten Zukunft zu erwarten sind. Diese Prophezeiung wurde durch einen Artikel des prominenten geopolitischen Analysten William Engdahl unterstützt, der vorhersagte, dass Anatoly Chubais der nächste Neoliberale sein könnte, “Kopf rollen wird”.

Wichtig an diesem Ereignis ist die Verknüpfung von Russland Antikorruptionskreuzzug mit der internationalen Geopolitik, weil hier die Möglichkeit besteht, dass ersterer von den Imperativen der letzteren entscheidend beeinflusst werden könnte. Zum Beispiel befindet sich Brasilien seit einigen Jahren in der Agonie einer fortgesetzten politischen Krise wegen der NSA-unterstützten „Operation Car Wash“ einer „Anti-Korruptions“-Ermittlung, welche in Wirklichkeit dazu verwendete wurde alle multipolaren Elemente aus dem Staatswesen zu entfernen und Präsident Roussef zu stürzen.

Während die Absichten hinter dem brasilianischen Beispiel ruchlos und mit den Grundsätzen unipolarer Strategie verbunden sind, könnte das Gegenteil in Russland eintreten, wo Anti-Korruptionsoperationen in der legalen Säuberung des Apparates von unipolaren Elementen zum Vorteil strategischer Ziele der multipolaren Strategie passieren würden. In beiden Fällen – egal ob es sich um Braziliens Rousseff oder Russlands Ulyukaev handelt – war der erwünschte Sturz des Politikers legal, auch wenn im südamerikanischen Fall dieser auf dem Grund eines extrem dubiosen rechtlichen Graubereiches passierte, während im russischen Fall sich alles ohne Fehler und Hinweise auf ein Hintergrundmotiv ereignete.

Weiterführend kann man sagen, dass wenn jene Angehörigen aus dem aus Militär und Sicherheit bestehenden Tiefen Staat, welche mit Putin verbündet sind, sich dazu entscheiden sollten mehr von ihren Rivalen aus der fünften/sechsten Kolonne des Westen zu säubern, dann werden auch mehr Anti-Korruptions Operationen nach diesem Muster passieren.

Andererseits könnte es darunter auch einige Individuen geben, die wirklich sauber sind in dem Sinne, dass sie niemals in nachweislich korrupte Aktivitäten verwickelt waren und daher nicht durch den modus operandi eines Anti-Korruptionskreuzzuges auszuschalten sind. Daher könnte man sie in so einer Situation funktional neutralisieren, indem man sie nominell in ihrer Macht/Einflussposition belässt, diesen aber macht- und einflusslos werden lässt. Das passiert oft in jedem Beruf wenn ein Arbeitnehmer einen Manager oder anderen Vorgesetzten hat, welcher ihn aus welchen Gründen auch immer nicht mag aber aus rechtlichen Gründen nicht feuern kann. Daher macht man das entsprechende Individuum funktionslos und unfähig dazu irgendeinen wirklichen Wandel im Establishment zu bewirken. Parallel dazu könnte man ein ähnliches Muster im Umgang mit den Vertretern einer atlantischen Integration anwenden, welche versuchen die multipolare Entwicklung des russischen Staates zu untergraben. Doch zuvpr müssten diese Menschen identifiziert und ihre Intentionen von Vertretern des Tiefen Staates untersucht werden. Es geht nicht darum solche Methoden in einer unverantwortlichen Art und Weise gegen alle möglichen Menschen einzusetzen, sondern sie sollte nur selektiv, von Fall zu Fall genützt werden um die größten Bedrohungen in den Spähren der Medien, der Regierung und des Tiefen Staates zu neutralisieren.

Balanceakte auf dem ganzen Spielfeld

Der zuvor zitierte Artikel “Russia’s Diplomatic Balancing Act In Asia Is To The Benefit Of Its Chinese Ally” bietet die beste Grundlage um Moskaus globale Außenpolitik zu verstehen. Zusammengefasst kann man sagen, dass Russland versucht sich als unerlässlicher Partner in ganz Eurasien zu positionieren, der es meisterlich schafft den Frieden zwischen einer Gruppe rivalisierender Staaten zu erhalten und sich dadurch selbst zum ultimativen Königsmacher in superkontinentalen Angelegenheiten aufzuschwingen. Zum Beispiel stellt Russlands “militärische Diplomatie”, über welche der Autor im September für Sputnik schrieb, militärische Systeme und andere Komponenten rivalisierenden Staaten wie Armenien und Aserbaidschan, Indien und China und China und Vietnam zur Verfügung. Hierbei besteht das Potenzial dieses Paradigma in der Zukunft sogar auf Pakistan und Indien sowie den Iran und Saudiarabien auszuweiten. Diesen Artikel sollte man unter dem Gesichtspunkt auf der Suche nach Details zu dieser Maßnahme betrachten, aber die eigentliche Idee dahinter ist, dass diese Politik es Russland ermöglichte zwischen den beiden Konfliktparteien ein Gleichgewicht zu erhalten und gleichzeitig Russland in die Lage zu versetzen einen friedlichen Status Quo zu erhalten. Während es bestimmt Kritik an dieser Strategie gibt, war sie die meiste Zeit sehr erfolgreich und dass hauptsächlich deswegen, weil Russland versucht das Gleichgewicht zwischen seinen rivalisierenden Partnern zu erhalten. Damit steht es ganz im Gegensatz zu den USA welche ständig versuchen das Gleichgewicht zugunsten ihrer eigenen Verbündeten zu verschieben um einen militärischen Konflikt zu provozieren.
Die daraus abzuleitenden Lehren aus Russlands diplomatischen Balanceakt in Asien und seine Übernahme auf die militärische Diplomatie besagen, dass Russland die Kernstrategie dieser Maßnahmen auch in anderen Teilen von Eurasien einsetzen kann.

Eines der beeindruckendsten Beispiele ist das zukunftsweisende Dreiparteienarrangement im Nahen Osten zwischen Russland, dem Iran und der Türkei. Der einzige Grund dafür, dass so eine geostrategisch-diplomatische Konstruktion überhaupt möglich ist liegt gänzlich an Moskaus Vermittlerrolle zwischen Teheran und Ankara. Nach diesem Muster könnte etwas ähnliches in Nordostasien zustandekommen, nämlich ein Quartett zwischen Russland, China, Japan und Südkorea, auch wenn es sich hierbei nicht um die wahrscheinlichste Entwicklung handelt. In Verbindung dazu würde Russland gerne einen ähnlichen geopolitischen Ausgleich zwischen Vietnam, China und den Philippinen schaffen der ihm die beneidenswerte Rolle eines teilweisen Mediators im Südchinesischen Meer verschaffen würde. Kein anderes Land hat das Potenzial alle drei Staaten, die gleichzeitig direkte Anrainerstaaten des Südchinesischen Meeres sind, so zu umgarnen, wie es Russland tut. Moskaus Schritte in Richtung Manila sind eine sehr kurzfristige Entwicklung, welche sich erst durch Präsident Duterte und positiven Äußerungen hinsichtlich Russland ergeben hat.

Schließlich könnte Russland auch in der EU ähnlich vorgehen, insbesondere in Hinblick auf die Eurobesorgten Regierungen mit Ausnahme Polens, welche im ersten Teil der Analyse über Europa beschrieben wurden. Wenn es Russland schaffen würde in eine lose Koalition mit diesen einzutreten, dann könnte es nicht nur seine Beziehungen auf bilateraler Ebene mit jedem Partner verbessern, sondern auch dazu führen, dass die EU ihre Einstellung als Block gegenüber Moskau überdenkt. Vorausgesetzt natürlich, dass es die Megaprojekte Russland und Chinas am Balkan schaffen den Kontinent vom überbordenden unipolaren Einfluss der USA zu befreien. Das ist natürlich ein Ziel welches in ferner Zukunft liegt und kaum in den nächsten Jahren erreicht werden kann, aber wenn sich Russland dahinterstellt und seinen Einfluss geltend macht, dann könnte dies zu positiven Veränderungen in den Beziehungen zwischen Russland und der EU führen (natürlich nur wenn es im Interesse Brüssels liegt. Diese Entwicklung würde natürlich durch einen Sieg der Eurobesorgten in Frankreich massiv beschleunigt werden.)

Der Kern des 21 Jahrhunderts

Russlands primäres geostrategisches Ziel ist es das Herzstück für den global Übergang des 21 Jahrhunderts in die Multipolare Weltordnung zu werden. Das ist zugegebenermaßen eine sehr schwierige Aufgabe, aber sie trägt die Wichtigkeit in sich den Lauf der Weltgeschichte grundlegend zu ändern. Und Russland scheint der ultimative Motor hinter der Weltpolitik der Zukunft zu sein. Das Konzept hinter Russlands Weg zum Kern des 21 Jahrunderts zu werden liegt in der Tatsache begründet, dass es an der Kreuzung zwischen Ost-, Zentral- und Westeurasien liegt. Dadurch wird ihm die natürliche Möglichkeit in den Schoß gelegt alle Ecken und Enden des Superkontinents durch seine vorteilhafte Geographie zu verbinden.

Während China seine globale Vision von Ein Gürtel – Eine Straße fortsetzt, beginnen Peking und Moskau zu verstehen wie wichtig die strategischen Konvergenzen zwischen ihnen sind und dass die Rolle, welche Russland im kommenden Jahrhundert spielen wird, unersetzlich ist. Chinas Paradigma der Neuen Seidenstraße predigt, dass die geographische Distanz zwischen den beiden Extremitäten Eurasiens durch Transportnetzwerke am Festland welche mit Hochgeschwindigkeitszügen und ähnlichen Mitteln betrieben werden verkürzt werden können. Natürlich ist es von größter Wichtigkeit, dass diese vorgestellten Routen nicht von der Gnade der US Navy abhängig sind, eine Macht welche bereits in der Vergangenheit damit gedroht hat Chinas Kommunikationslinien über das Meer im Falle einer ernsthaften Krise zu durchtrennen.

Da die Chinesen wirklich jene Lanzeitplaner sind, als die sie klischeehaft gelten, lassen sie sich nicht länger von den USA erpressen und haben sich dazu entschlossen die antike Seidenstraße wiederzubeleben um diese ständige Bedrohung zu neutralisieren.

Während man argumentieren könnte, dass die CPEC eines Tages durch den Iran und die Türkei führen und dadurch eventuell auch den Balkan erreichen könnte, würde das Risiko für einen Hybridkrieg dramatisch sinken, wenn China einfach eine direkte Verbindung über seinen russischen Partner in die EU bauen würde.

Wegen der unverrückbaren Konstantheit seines Territoriums wird Russland daher für immer die geostrategische Schlüsselposition im 21 Jahrundert und darüber hinaus besitzen. Daraus erklärt sich warum es dazu bestimmt ist als der Kern einer weltweiten Bewegung zur Multipolarität zu funktionieren. Ich habe kein Interesse daran die Rolle Chinas in dieser Beziehung herunterzuspielen, weil Russland nie seine gegenwärtige Rolle ohne die strategische Planung und die Kapitalinvestitionen Chinas hätte einnehmen können. Ich wollte nur die Aufmerksamkeit darauf hinlenken, dass Russlands Geographie es mit der Fähigkeit beschenkt hat alle Enden Eurasiens durch sein Territorium zu einigen. Daher kann man argumentieren, dass das Schicksal Russlands und Chinas untrennbar miteinander verbunden sind. Russland braucht den chinesischen Markt und seine Stabilität um einen Trans-eurasischen Handel mit Europa durch sein Territorium über moderne Transportrouten anzuziehen, welche teilweise von chinesischem Kapital bezahlt werden und umgekehrt braucht China Russlands Geographie um genau diesen Handel an allen US Hybridkriegseinmischungen oder konventionellen Bedrohungen ohne Einmischung abwickeln zu können.

Abeschließend möchte ich noch auf die Karte verweisen, welche ich für meine Forschau zu Russia’s Greater Eurasian Scenarios anfertigen ließ.Die Graphik in dem Artikel illustriert die Myriaden möglicher Verbindungen, welche Russland in der entstehenden Multipolaren Welt einnehmen kann. Dadurch wird vor Augen gestellt von welch großer strategischer Bedeutung es für die Zukunft ist und untermauert wie unersetzlich es für die Verbindung Eurasiens ist.